Jul 22
Hypnos 14 - Regen
Regen
Stille. Scheinbar totale Stille. Aber totale Stille gibt es nicht, denn zumindest das ewige Rauschen des Blutes bleibt uns auch dann treu, wenn unsere Umgebung uns die akustische Kommunikation versagt. Totale Stille gäbe es nur für dieToten, aber sie wissen nichts mehr von den Klängen und Geräuschen und daher auch nichts von deren Ausbleiben. Hie raber war durchaus noch mehr zu hören als jenes monotone Geräusch des zirkulierenden Blutes, nämlich ein so simples, eigentlich so alltägliches Geräusch, dass es mir früher gar nicht aufgefallen wäre, und auch jetzt nahm ich es erst wahr, als ich in die Stille hinein lauschte. Es überraschte mich, und zuerst konnte ich es auch keiner Quelle zuordnen, dieses leise, sich monoton wiederholende Quietschen, aber dann sah ich zu Elisabeth hinüber. Sie saß wie immer auf ihrem Schaukelstuhl und strickte -diesmal eine Mütze- ,und ich wollte sie schon fast fragen, ob sie es nicht auch hören würde, doch sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass ich beschloss, sie nicht zu stören. Abgesehen davon schien es mirauch nicht angebracht, etwas zu erwähnen, von dem ich mir nicht einmal sicher war, ob ich es überhaupt hörte oder mir nur einbildete.
Natürlich war uns die Wolle schon längst ausgegangen, aber da wir weder Wollmützen noch dicke Pullover benötigten, wurden eben all diese mühsam hergestellten Stücke wieder aufgekrempelt, um der Herstellung neuer Handwerksstücke zu dienen, die dann ihrerseits auch wiederverwendet wurden. Elisabeth jedenfalls bekämpfte auf diese Weise recht erfolgreich die Langeweile, weniger erfolgreich den Stumpfsinn, der ständig wie ein Damoklesschwert über uns hing.
Endlich bemerkte ich, dass Elisabeths Wippen im Schaukelstuhl, ganz sacht und langsam, mit dem Rhythmus des Quietschens synchron war. Das Quietschen des Schaukelstuhls! Das war es, und weiß Gott, man mag sich nicht vorstellen, was das für eine Überraschung war, denn ich hatte es nicht mehr gehört, seit wir hierhergezogen waren. Ich schaute Elisabeth an - und sie blickte hoch und sagte: “Es hat aufgehört.” Mehr nicht. Einfach so. ES HAT AUFGEHÖRT. Nach ach so vielen Jahren. Urplötzlich, ohne Vorankündigung, ohne Zeichen, Omen, nein, nur unerwartet eintretende Stille, durch die das Geräusch des wippenden Schaukelstuhls an mein Ohr gedrungen war. Und als nun, statt des Prasselns, des ewigen, unerträglichen Prasselns auf dem Dach nichts weiter zu hören war als die Geräusche in unserem kleinen bescheidenen Domizil, da bemerkte ich nun bald auch anderes, was seit Jahren vom Regen übertönt worden war: Zuerst Elisabeths Atem, leise und ruhig, kaum wahrnehmbar. Dann meinen eigenen Atem. Und dann sogar das Rauschen meines eigenen Blutes! Da aber wurde mir erst tatsächlich klar, was geschehen war:
Der Regen hatte aufgehört, ja, UND WIR LEBTEN!
Der Regen hatte uns nicht vernichtet.
Noch immer stand ich wie versteinert da, als das Quietschen endete und Elisabeths Stimme, sanft und sachlich, fast als ob
sie etwas belangloses sagen würde, die Stille durchschnitt: “Es hat aufgehört,” wiederholte sie.
“Ja, es ist vorbei.”
Da es ausgesprochen und nun auch von mir bestätigt worden war, brach auch der Bann, der mich gelähmt hatte. Schon stürzte ich zur Luke, da rief mir Elisabeth mit einem warnenden Unterton hinterher: “Willst du nicht warten?”
“Warten? Worauf?”
“Nun, es ist vielleicht sicherer.”Ich fasste mir an den Kopf. Mir war plötzlich schwindelig geworden, die Beine wollten mich nicht mehr tragen, aber ich schaffte es noch bis zum Stuhl.
Mein Gott! Im Augenblick unseres Triumphs über diese apokalyptische Plage wäre mir beinahe ein schrecklicher, tödlicher Fehler unterlaufen!
Das Wasser reichte bis unter das Dach, da waren wir uns sicher, denn vor dem Schließen der Luke hatte es schon bis kurz unter deren unteren Rand gereicht, und danach hatte es noch so lange geregnet. Und hätte ich die schwere Stahlluke unter diesen Umständen wirklich öffnen können… wir wären auf der Stelle jämmerlich ertrunken!
Nach einiger Zeit hatte ich mich wieder gefasst und sah Elisabeth an. Sie fragte mich: “Was glaubst du, wie lange es dauert, bis das Wasser verschwunden ist?”
Auch in meinem Blick muss die Ratlosigkeit gestanden haben, als ich ihr antwortete: “Ich weiß nicht. Es kann Wochen dauern. Vielleicht Monate. Vielleicht auch…” -Und da stockte mir nicht nur der Atem, dass ich nicht mehr weitersprechen konnte,sondern ich musste mich zwingen, den Gedanken überhaupt zu Ende zu führen.
“Es hat sieben lange Jahre geregnet. Sieben Jahre!
Womöglich…” -Wiederum versagte meine Stimme, aber es legte sich ein unheilvoller Schatten auf Elisabeths Gesicht, der mir sagte, dass sie durchaus schon verstanden hatte: Womöglich würde es Jahre dauern.
Das war natürlich eine recht düstere Aussicht, doch barg sie das Fünkchen Hoffnung, dessen wir seit sieben Jahren entbehrt hatten. Nun gab es ja wirklich keinen Grund, die Dinge zu übereilen, nach so langer Zeit des Wartens, nachdem wir schon vorher, als der Regen begann und nicht absehbar war, wann er wieder enden würde, so vorsichtig, umsichtig und klug alle Vorbereitungen getroffen hatten, die uns das Überleben bis hierhin gesichert hatten.
Und so warteten wir, blieben ruhig und zeigten uns gegenseitig wie gelassen wir blieben, wie überlegt unser Handeln -oder besser: unser Nicht-Handeln- war. Tatsächlich war ich schon beinahe am Zerspringen, und ich wage es zu vermuten, dass es Elisabeth ebenso ging wie mir, aber was soll ich lange unseren inneren Kampf beschreiben? -Wir hielten ein Jahr durch, ohne nochmals ernsthaft zu diskutieren, ob wir die Luke öffnen sollten.
Dann aber, ungefähr ein Jahr nachdem der Regen geendet hatte, durchbrach meine Frau wiederum die Stille unseres öden Alltags, und stellte mich vor Fragen, die ich kaum zu beantworten verstand.
“Warum mag diese Katastrophe über uns gekommen sein? Meinst Du, es ist eine Art Strafe gewesen?”
“Eine Strafe? Wer sollte uns so strafen? Gott?”
Oh ja, ich konnte mich noch gut an den Beginn erinnern, als die Prediger den Regen willkommen hießen, denn nun konnten sie in aller Welt verkünden: “Siehe, die Strafe Gottes ist über euch gekommen, die große Sintflut! Tut Buße!”
Und die Menschen kamen zu Abertausenden zu ihnen, zu Millionen sahen sie ihnen von ihren Fernsehsesseln aus zu, den fetten, geldgeilen Pfaffen, und die Leute übertrumpften sich gegenseitig, wenn es darum ging, großzügig Spenden zu leisten, “Buße zu tun”.
Und die Propheten! -Wirklich, eine solche Zeit hatte die Welt noch nicht gesehen, denn der Herrgott musste sich ehrlich sehr bemüht haben, nicht einen Verkünder der Wahrheit zu entsenden, nicht zwei, sondern gleich Tausende von ihnen, die obendrein auch noch alle -jeder einzelne von ihnen- den Anspruch heroben, der einzige, der wahre Prophet zu sein.
Und jeder von ihnen hatte somit das Recht und die Pflicht, alle seine Kollegen als Lügner und Heuchler, als falsche Propheten zu entlarven, seine Schäflein um sich zu sammeln und von ihnen auf Gottes Geheiß das zu fordern, was man im Leben so brauchte, also genügend Geld, um sich eine Villa mit Swimmingpool an der Cote d’Azur, schöne Frauen, einen schicken Sportwagen und all die anderen bescheidenen Dinge leisten zu können, die einen wahren Propheten des Herrn ausmachen.
Aber die Sportwagen fuhrten schon bald durch große Pfützen, die schließlich zu groß wurden, um sie zu durchqueren, und endlich begrub sie das Wasser und die Propheten mit ihnen.
“Liebling, überlege doch mal, wenn es denn eine Strafe gewesen ist, dann auf jeden Fall eine, die wir uns selbst auferlegt hatten. Es ist zwar schon lange her, aber du erinnerst dich sich noch daran: die Umweltverschmutzung, die Klimaveränderung…”
“Ich kann mich sehr gut erinnern”, sagte sie nickend, doch aus ihren Worten klang keine Zustimmung, sondern unterschwelliger Zweifel.
Mit Recht, denn auch ich konnte mich gut daran erinnern und nicht umhin, ihre Zweifel zu bestätigen. Die Stunde der Propheten war auch die Stunde der
Wissenschaftler gewesen, und diese wie jene nutzten die Zeit zur Verkündung ihrer Ideen. Wie viele Hypothesen lagen hatten damals im Wettstreit gelegen? -Ich weiß es nicht mehr.
Wenn man nur eine grobe Einteilung vornehmen würde, dann könnte man drei Gruppierungen ausfindig machen: Die einen, die sagten, dass der Regen eine neue Eiszeit einleiten würde. Die anderen, welche meinten, er wäre die Folge sich auch weiterhin fortsetzender globaler Erwärmung. Und die Gruppe der Optimisten, die von Panikmache redeten und der Meinung waren, dies sei nur eine vorübergehende Phase, die aber über kurz oder lang wieder in ein Gleichgewicht münden würde, man solle bloß nichts übertreiben!
Jedoch machte der Regen weder vor der Religion halt, noch vor der Wissenschaft, weder vor politische Überzeugung, noch vor kultureller Zugehörigkeit. Es regnete einfach solange bis alles fort war, bis wirklich nur noch die reine, nackte Tatsache vollkommenen ungedeutet und unkommentiert dalag: Es hatte sieben Jahre geregnet.
Elisabeth und ich diskutierten nun wochenlang über diese Dinge, und aus unseren Köpfen verschwand dabei nach und nach jedes Vertrauen in irgendeine wissenschaftliche Erklärung, jeder Glauben an eine religiöse Bedeutung, und auch in unseren Köpfen blieb danach nur noch die nackte Tatsache. Damit aber kam auch die Unsicherheit, was zu tun sei. Bei all unserer Vorsicht hatten wir uns wohl etwas zu sehr darauf konzentriert, uns vor dem Regen zu schützen. Daran, wie es weitergehen würde, wenn er einmal geendet hatte, war nicht gedacht worden, und so war keine Möglichkeit vorhanden, den Wasserspiegel zu messen! Wie dumm von uns, eine so einfache Apparatur nicht zu berücksichtigen! Man mag sich die Situation vorstellen: Wir glaubten nicht an die Worte er Wissenschaftler und nicht an jene der Gurus, wussten nur, dass es sieben Jahre geregnet hatte. Was blieb da denn anderes, als weiter zu warten, zaudernd, unschlüssig, hoffend auf…was? -Dass sieben weitere Jahre vergingen.
Immer lauschten wir ängstlich, ob nicht doch wieder jenes verhasste Prasseln zu hören sein würde, doch nichts dergleichen geschah.
Und es vergingen sieben Jahre, und es regnete nicht.
Wie soll ich diese Zeit des Abwartens beschreiben? -Nur zuleicht ist es nachvollziehbar, welcher Frust, welche Langeweile, welche Ödheit unser Leben kennzeichnete, welche angsterfüllte Zurückhaltung wir uns gegenseitig schweigend auferlegten.
Und doch, obwohl man glauben möchte, dass man sich nach sieben Jahren wohl an solche Zustände gewöhnt hätte, sie da wohl zum Alltag gehören würden und somit beinahe unabänderlich fortbestehen würden, fassten wir eben da einen Entschluss, der all unseren langjährigen Bedenken genau entgegenlief. Denn mit dem Näherrücken jenes schicksalsträchtigen Datums, an dem die Zeitspanne von sieben Jahren verstrichen sein musste, rückte in unser Bewusstsein zunehmend die Tatsache, dass etwas geschehen MUSSTE, egal, welche Gefahren damit verbunden waren.
Es war aber noch mehr: Tatsächlich wurden wir sehr zornig.
Zornig auf uns, zornig auf unsere Feigheit.
Und mit diesem grimmen Zorn begab ich mich zur Luke, trat endlich ins Freie und sah… ETWAS, DASS ICH NICHT ERWARTET HATTE.
Gerechnet hatte ich damit, unter Fluten begraben zu werden, gehofft hatte ich, eine vielleicht sumpfige, seendurchzogene Landschaft vorzufinden, doch stattdessen: WÜSTE!
Man mag wohl denken, da hätte ich mir die Augen gerieben, aber schließlich einen Ruck gab und vorwärts stolperte.
Meine Gedanken zirkulierten noch immer im Wahn, als ich auf die Knie fiel und in den Sand griff, immer wieder und wieder,als würde ich ihn dadurch in Wasser verwandeln können oder ihn gleich einem Schwamm ausdrücken können, doch er blieb heiß und trocken, selbst meine Tränen, die ich über ihm ausschüttete wie ein verzweifeltes Kind verdampften augenblicklich.
Als ich wieder zu Sinnen kam, der Verstand langsam wieder zu arbeiten begonnen hatte, war ich ein ganzes Stück weit in dieses unsägliche Land hinein gewandert. Hier und da fand ich klägliche Reste von Pflanzenwuchs und Spuren ausgetrockneter Seen. die mir anzeigten, was geschehen war: Wir hatten einfach zu lange gewartet. Damals, als der Regen begann, hatten wir nicht den Fehler gemacht auszudiskutieren, was die Ursachen waren, darüber zu reden, was zu tun sei, sondern stattdessen gehandelt. Dies hatte uns damals gerettet. Und doch, als wenn es ein Fluch wäre, der auf den Menschen lastete, ein Fluch, noch weitaus schlimmer als der Regen, waren wir unserem Zögern und Zweifel letztlich doch erlegen, hatten auf dieselbe Art und Weise versagt.
Ich suchte Schutz vor der Sonne, und tatsächlich fand ich doch in dieser Einöde einen alten, knorrigen Baum, ausgetrocknet, ausgelaugt, sichtlich allen Lebens bar: Unter diesem spärlichen Schattenspender legte ich mich nieder.
Was ich da fand, war ein Symbol von solcher Kraft, dass mein Wille zurückkehrte, mein Wille zu überleben, mein Blick auf Zukünftiges, all das kam wieder beim Anblick jenes kleinen, dünnen Triebes, welcher sich am unteren Stamm mühsam hervor gekämpft hatte und nun dabei war, ein einziges, kaum überlebensfähiges Blatt hervorzubringen.
Zugegeben, dies war nun wirklich sehr wenig, aber es reichte, um den Kampf -oder besser: das Spiel?- aufzunehmen. -Ich kehrte zu Elisabeth zurück.
Unsere Vorräte reichten noch für Jahre aus, dies war also kein Problem, aber selbstverständlich machte ich mich von nun an trotzdem regelmäßig auf die Suche nach Wasser, nach Nahrung, oder, korrekter beschrieben, nach Leben oder den Grundlagen des Lebens.
Und tatsächlich: Eines Tages, als ich wieder an jenem Baum vorbei schritt, traf etwas Feuchtes meine Stirn. Es war zu kühl, um mir nicht trotz des Schweißes aufzufallen. Dann nochmal. Plötzlich ließ mich ein unerwartet aufkommender Wind erschauern, ein Schatten fiel im selben Augenblick über mich, und ich blickte hoch, gerade noch rechtzeitig, um aus schweren Wolken den segensreichen Regen auf meinem Gesicht zu empfangen.
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Sep 25
Hypnos 13 - Das Pferd
Das Pferd
Latet anguis in herba.    Â
Es lauert die Schlange im Grase.
VergilÂ
Am siebten Tage, an dem das weiße Pferd vielleicht in meinem Garten war, konnte ich seine wunderbare Erscheinung nicht erblicken, oder besser: Ich war einfach zu träge dazu. Nach den sechs vorangegangenen Tagen mag durchaus eine Gewöhnung eingetreten sein, und wie es so ist mit dem Schönen: Es muß rar gesät bleiben, denn sonst verliert es an Kraft, wird unkenntlich, unsichtbar, weil unsere Gewohnheit ihm eine Tarnkappe aufsetzt. Nicht daß ich das Pferd nicht mehr als schön empfand - es reizte mich einfach nicht mehr, es fehlte der Wunsch, und es fehlte der Wille. Tatsächlich verließ ich an jenem Tage das Bett gar nicht, gab mich der Faulheit und dem Luxus des Nichtstun vollständig hin. Womöglich waren das die Nachwirkungen des Vortages, wer weiß? Doch ich will der Reihe nach erzählen. Der Garten, der hinter meinem Haus liegt, grenzt an große Felder, Wiesen und Wälder, deren Weite und Einsamkeit ich schon oft aufsuchte. Auf mancher Weide am Rande abgelegener Wege stehen Pferde, doch nie habe ich dort ein solches erblickt wie jenes, welches eines Tages, als ich durchs Fenster hinaus sah, dort in meinem Garten stand und von dem schon recht hoch gewachsenen Gras fraß Ich erschrak faßt, als ich es sah, konnte meinen Augen kaum trauen: Welch ein Anblick!
Am auffallendsten war die Makellosigkeit dieser Kreatur. Ich muß gestehen, daß ich in Bezug auf Pferde alles andere als fachkundig bin, doch um dieses Geschöpf beurteilen zu können, bräuchte man wirklich nichts davon zu verstehen, denn sein hoher, schlanker Bau, die vollkommenen Kurven des Profils, und vor allem der Eindruck absolut erhabener Reinheit, der durch die Farbe vermittelt wurde, sprachen eine unmißverständliche Sprache: Dies mußte der edelste Vertreter seiner Art sein.
Umso seltsamer scheint mir meine Reaktion nun: Statt mich an diesem einmaligen Anblick zu erfreuen, überkam mich Zorn, ich fing an zu fluchen und wollte schon hinaus eilen! Ein Pferd, in meinem Garten, ohne meine Erlaubnis! Ich war unglaublich wütend, und ich weiß nicht mehr, ob ich auf das Pferd, dessen Besitzer oder nur ganz allgemein schimpfte, jedenfalls hatte in diesem Augenblick der Begriff ,,blinde Wut” eine ganz persönliche Bedeutung für mich. Man kann sich kaum nicht vorstellen, wie ich mich aufregte! Und ich wäre auch hinausgelaufen und weiß Gott, was da passiert wäre! - wenn nicht in diesem Augenblick das Pferd den Kopf gehoben und zu dem Fenster, hinter dem ich stand, geblickt hätte. Nicht das mein Zorn verflog, im Gegenteil, aber als sich unsere Blicke trafen, drang auf einmal eine Frage in meinen Kopf, die so seltsam war wie die Erscheinung des weißen Pferdes selbst. Ja, schon am ersten Tag, in jenem zornerfüllten Augenblick, fragte ich mich: Was will dieses Tier von mir? Und nur die Frage allein hielt mich davon ab, meiner Wut nachzugeben.
Am nächsten Tag stand ich sehr früh auf, und als wenn ich es geahnt hätte, eilte ich gleich zum Fenster hin. Das Pferd stand da, so prächtig wie am Tag davor, und diesmal war sein Anblick ungetrübt durch meine unangebrachten Gefühle, deren Auswirkungen es am Vortage gerade mal entgangen war. Lange stand ich dort hinter dem Fenster, blickte es nur an, und überlegte’, wo es wohl nur hergekommen war. Schon am ersten Tag hatte ich auf seinen Besitzer geflucht, der anscheinend auf sein Pferd nicht genügend geachtet hatte, so daß es fortgelaufen war, aber diesmal überlegte ich, daß ein Mensch, der bei solch einem Tier nicht reichlich auf Sicherheit achtete, dieses wohl gar nicht verdiente. Wie mochte dieser Mensch wohl sein? Womit hatte er es verdient, in solchen Besitz zu gelangen? - Neid machte sich in mir breit. Warum besaß da jemand etwas, achtete vermutlich kaum darauf , womöglich behandelte er das Tier nicht mal in artgerechter und vernünftiger Weise, hatte wer weiß was für schlechte Eigenschaften… und ich? Da wünschte ich, das Pferd wäre meines, wurde für immer in meinem Garten bleiben, und ich haßte den unbekannten Besitzer dafür, daß er dies eines Tages ändern könnte und ich haderte mit meinem Schicksal und der Welt. Auch an diesem Tag blickte das Pferd zu mir herüber, und auch wenn ich mir nicht sicher sein konnte, ob es mich durch die Scheibe wirklich sah, so war ich doch der Überzeugung, daß es wußte, daß ich da war, ja mich überkam nun endgültig die Überzeugung, daß das etwas zu bedeuten hatte und das Tier von mir etwas wollte. Nur was?
Dieses Pferd war wirklich rätselhaft! So blieb es auch am dritten Tag seines Erscheinens, an dem ich feststellte, daß bis dahin meine Befürchtungen vom Vortag nicht eingetroffen waren. Ich beruhigte mich selbst, in dem ich mir sagte, daß das Pferd wohl nicht gesucht werde, oder daß es zumindest für die Suchenden unmöglich war, es zu finden. Also konnte ich es nun gewissermaßen durchaus als meinen Besitz ansehen. Da überkam mich maßloser Stolz. Wer nannte denn schon ein solches Tier sein Eigen? Ich stand gerade und aufrecht da, wippte auf den Zehenspitzen und blickte voller Zufriedenheit dem Pferd in die Augen. Ein prachtvolles Tier, ein prächtiger Besitzer, beide stolz und erhaben unter ihresgleichen.
Am vierten Tage war ich entsetzt, als ich bemerkte, wie einige Kinder am Rande des Gartens hinter dem Zaun standen und versuchten, daß Pferd zu locken, Sie hatten ein wenig von dem hohen Gras - meinem Gras! diesseits des Zauns abgerissen, hielten es mit ausgestreckten Armen dem Pferd entgegen und riefen es. Doch ich wollte die Aufmerksamkeit und die Zuneigung des Tieres, wollte das Pferd mit niemandem teilen. Niemand sollte so billig etwas bekommen, was doch offensichtlich mir gehörte! Etwas Besonderes, Einmaliges! Und dann auf so hinterhältige Weise und dazu noch mit meinem Gras! - Ich riß das Fenster auf und schrie die Kinder an, rief ihnen zu, sie sollten sich schleunigst aus dem Staube machen, was sie dann auch unter unverschämten
Grölen taten. Das Pferd hatte indessen von ihnen keine Notiz genommen, sondern nur beharrlich auf mich geschaut.
Gegen Morgen des nächsten Tages schlief ich etwas länger, und meine Träume waren unruhig und von höchst erotischer Natur, und als ich aufwachte und das Pferd dort noch immer im Garten stand, schienen sich die Träume in meinen Gedanken festgesetzt zu haben, denn die Vorstellung einer unbekleideten Frau, welche auf dem weißen Tier über die Weiden und durch die dunklen Wälder ritt, verfolgte mich bis in die Mittagshitze, in der ich dann fast selbst meine Kleider abgeworfen hätte und in den Garten geilt wäre.
Doch wiederum hielt mich der Blick des Pferdes und die enigmatischen Gründe dahinter davon ab. Inzwischen war meine Beziehung zu diesem erstaunlichen Geschöpf auf ihrem Höhepunkt. Es war meines, ich war stolz darauf und jederzeit bereit meinen Besitz mit allen Mitteln zu verteidigen. Und weiter dachte ich, daß es nun, da ich einen derart wertvollen Schatz besaß, wohl auch Zeit wäre, mein Leben und meine Gewohnheiten zu ändern. Wer ein solches Tier besaß, der brauchte nicht sparsam zu leben. Ich tischte mir auf, was in meinem Haus so an Leckereien aufzutreiben war, holte den edlen Wein hervor, den ich eigentlich für ganz besondere Fälle und Festtage aufbewahrte, ebenso die sonst Gästen vorbehaltenen Havannazigarren, und machte es mir hinter dem Fenster gemütlich. Daß ich einen solchen Wandel meines Lebens hin zu Völlerei und verschwenderischem Luxus finanziell nicht lange halten konnte, kam mir nicht in den Sinn, daß ich es aber auch sonst nicht durchhalten würde, merkte ich schon am nächsten Tag, von dem ich eingangs berichtete, Wie schon erwähnt, sah ich daß Pferd an diesem siebten Tage nicht.
Der darauffolgende achte Tag begann dann aber auch mit einem der schrecklichsten Dinge, die mir in meinem Leben zugestoßen sind. Denn als ich aus dem Fenster blickte, ausgeruht von dem faulen Vortag, früh morgens gleich nach Sonnenaufgang, da stand das Pferd schon da und blickte diesen rätselhaften Blick, und vielleicht irre ich mich, bilde es mir nur ein, aber ich meine, daß ich eine Art Trauer in den dunklen Augen erkannte. Und genau da brach das Pferd zusammen, Fassungslos und von panischem Entsetzen getrieben lief ich zu ihm hinaus. Doch es bedurfte keiner eingehenden Untersuchung, ich wußte einfach, daß es tot war. Gerade noch erhaschte ich einen Blick auf die Schlange, die sich durch das hohe Gras davonmachte.
Im Grunde gibt es nichts weiter zu berichten, denn weder das Anliegen des Pferdes, noch seine Vorgeschichte sind mir bis heute enthüllt worden. Es bleibt ein Rätsel
Geblieben ist die Einsamkeit und eine Leere, die dieses Rätsel nicht auszufüllen vermag.
Paulus sagt, daß der Tod der Sünde Sold ist. (RÖM 6, 23) - Ich aber denke darüber nach, ob ich nicht die Schlange bei mir aufnehmen sollte.
No commentsAug 25
Sammelsurium - Aus den Notizbüchern
Sammelsurium - Aus den Notizbüchern
457. Erfolg ist das, was wir anstreben und was uns nicht glücklicher macht. Hat man Erfolg, kann es nur noch bergab gehen.
458. Sünde ist etwas, was man gerne tut. Der Verzehr gewisser Obstsorten soll angeblich dazugehören.
459. Der Begriff “Sieg” steht für eine unerkannte Niederlage.
460. Großzügigkeit ist ein anderes Wort für Bestechung.
462. Weisheit ist nicht Lebenserfahrung, sondern reflektierte Lebenserfahrung.
466. Die größte Blasphemie ist die Religion, und die Strafe der Blasphemiker ist - die Religion!
485. Träume offenbaren uns vielleicht nicht die Zukunft. Aber sie sagen uns etwas über uns - und damit alles!
515. Mit der Politik ist es wie mit der modernen Kunst und Musik: Je schlechter sie ist, desto leichter lässt sie sich vermarkten.
517. Der Tod hat kein dunkles Gesicht. Er hat gar keines - das Sterben jedoch sehr wohl.
518. Glücklich sein heißt: nicht Streben. Aber auch, nicht zum Streben gezwungen zu werden.
519. Politik ist die Show, die Clowns veranstalten, deren Qualifikation für den Zirkus nicht ausreichte.
556. Der Mensch ist besser als sein Ruf, aber er arbeitet intensiv an der Anpassung… seines Daseins, nicht seines Rufes!
569. Bescheidenheit im Alter findet man so selten, wie man Überheblichkeit in der Jugend häufig antrifft. Der Mensch ändert sich also kaum, nur die Akzente werden neu gesetzt.
570. Alle Jahre wieder wählen wir und wundern uns hinterher, dass wir uns wieder und wieder so furchtbar ärgern müssen. Dabei sagt doch schon ein altes Sprichwort: Wer die Wahl hat, hat die Qual!
644. Wenn wir verreisen, packen wir meist viel zu viel Kleidung ein, wenn wir zurückkehren meist viel zu wenig Erinnerungen.
No commentsAug 6
Hypnos 12 - Sirene
Sirene
‘I would strike the Sun if it insulted me’
Herman Melville, Moby Dick
Nun liege ich hier schon so lange und doch will der Beginn meines Aufenthaltes mir nicht aus dem Sinn gehen. Die Gezeiten kommen und gehen, sie geben einen wunderbaren Zeitmesser ab, aber ich sehe schon lange davon ab, die Zeit zu messen. So kann ich nur schätzen, wie viele Jahre vergangen sind: vielleicht zehn,vielleicht hundert, womöglich tausend? Nicht, dass ich übertreiben möchte. Nur: Hier unten spielt Zeit keine Rolle, zumal für mich nicht die Möglichkeit besteht, sie zu nutzen, ausgenommen indem ich meinen Erinnerungen nachhänge. Aber dies wird allzu bald langweilig, genau wie das Beobachten der Meeresströme, der Fische und Quallen, der Einsiedlerkrebse und Kraken. Ihr Treiben mag sehr wohl einen Menschen ein Leben lang beschäftigen, aber nicht, wenn man jede Sekunde unter ihnen verbringt.Ein Leben lang… das ist der springende Punkt! Ein Leben lang… und nicht eine Ewigkeit!Ich sagte, ich hänge nicht mehr meinen Erinnerungen nach, da mich dies langweile. Nun, das ist nicht ganz richtig, denn da ist eine Erinnerung, die mich nie verlässt, die nicht verblasst, aber alle anderen verblassen lässt.
Ist die Erinnerung nicht das Exil der Toten?
Jetzt, wo meine blank genagten Knochen, abgefressen von den Fischen, durch eine glückliche Meeresströmung halb aus dem Sand heraus gewaschen wurden, erblicke ich in weiter Ferne über mir einen wagen Hauch von Sonnenlicht, und die Erinnerung, diese EINE Erinnerung, wird so stark, dass ich sie von mir geben muss, dass es mich treibt, ja zwingt, sie zu erzählen. Es ist die Erinnerung an SIE.
Auch wenn in der Stille der Tiefe mich niemand hört, auch wenn meine Erzählung nur meiner eigenen Unterhaltung dient, ich will berichten, wie es mir erging.
Ich war noch ein junger Mann, sehr jung, und das Leben schien leicht dahin zutreiben auf den Inseln, die den Winter nicht kennen und wo ich als Sohn eines Fischers heranwuchs. Eigentlich hätte der harte Broterwerb meines Vaters mich eine andere Lebenseinstellung lehren sollen, doch ich war ein Müßiggänger und hatte immer etwas besseres vor, als ihm bei seiner schweren Arbeit zu helfen. So hatte ich weder das Segeln noch das Knüpfen der Netze gelernt, und die Tücke der See war mir fremd. Meine Lieblingsbeschäftigung waren der Tanz, die Mädchen und die Träumereien unter den Palmen.
Es war ein ausgesprochen heißer Tag, und die Stille der Luft ließ mir in der Mittagshitze keinen Schlaf. Unruhe packte mich, und ich ging an den Strand. Dort angekommen erfrischte ich mich im Wasser, dann wanderte ich am Strand entlang. Ich fühlte mich stark genug, der Sonne zu trotzen, und so kam es wohl zu einem unausgesprochenen Wettstreit zwischen ihr und mir: Wie lange mochte ich unter den sengenden Strahlen wandern können?
So ging ich los, immer weiter fort vom Dorf, und dies war wohl eine Art Flucht vor den vorwurfsvollen Blicken der anderen. Erst lächelte ich, blinzelte in die Sonne, lachte sie aus, aber bald schon wurde mein Weg mühsam und die Beine schwer. Trotzdem: Um der Herausforderung aus Überheblichkeit noch eine Steigerung zu geben, verfiel ich in einen leichten Lauf, und schließlich begann ich sogar zu rennen, und ich lachte dabei wieder, trotz des Schweißes, der mir von der Stirn in die Augen lief und brannte, trotz der heißen Luft, die in meine Lunge drang und einen stechenden Schmerz in der Brust verursachte.
Ich dachte: Du heißer Feuerball magst ja heute alle mit Deinem Bann beschlagen haben, aber ich widerstehe Dir!
Die Jugend vergibt so leicht und sinnlos ihre Kräfte!
Und so musste ich schließlich aufhören zu rennen, und auch das Lachen endete, aber meinen Weg nahm ich noch viele Meilen. Ich ging an die äußerste Grenze der Selbstüberwindung, jedoch im aberwitzigen Glauben, ich würde die Natur selbst besiegen, würde Herr über die Gewalten sein, unbesiegbar, unsterblich. Erst als ich das Gefühl des Sieges in mir spürte (und für einen Augenblick von unglaublicher, aber gottloser Stärke erfüllt war), hielt ich inne und brach vor Erschöpfung auch schon zusammen.Meeresrauschen, beruhigend, hypnotisch, aus der Schwärze, die mich hinter meinen geschlossenen Augen umgab, in mein Bewusstsein dringend, ist Schuld daran, dass mich der Schlaf übermannte. -Ein erschöpfender Schlaf in brütender Hitze und unter einer wütenden Sonne.
Kurz bevor ich die Augen aufschlug, hörte ich einen leisen, sanften und fernen Gesang, monoton doch schön, und als ich nun vollständig erwachte und mich aufrichtete, verschwand er nicht!
Ich glaubte zu halluzinieren, was bei überlanger Einwirkung der Sonne ja nicht ungewöhnlich gewesen wäre, daher schleppte ich mich an den Rand des Wassers und entledigte mich meiner Kleidung. Als ich hineinging, belebte mich sofort die relative Kühle des Ozeans, ich fühlte das Leben in meine Glieder zurückströmen, ich war hellwach, und doch: Der Gesang verschwand nicht.
Ungläubig blickte ich zum Strand, doch weder zu meiner Linken
noch zu meiner Rechten vermochte ich jemanden zu entdecken. Dann endlich blickte ich zur See: weiter draußen, aber für den geübten Schwimmer gut zu erreichen, waren die Spitzen eines dem Strand vorgelagerten Riffs zu erkennen. Dieses brach die Wellen des Ozeans. so dass nur seichtes Auf-und-ab des Wassers am Strand zu beobachten war. -Ich musste wohl ziemlich erstaunt dreingeblickt haben, als ich feststellte, dass zwar ganz offensichtlich der Gesang dort vom Riff her kam, jedoch nichts weiter zu sehen war als Felsen im Wasser.
Nun erst bemerkte ich auch, wie lieblich dieser Klang war: Eine Stimme, weiblich-zart und im Singen geübt, eine verträumte Melodie, die das Plätschern des Wassers durchwob und von der eine eigenartige Faszination ausging, etwas Anziehendes, Verlockendes.Dem gab ich nach, zumal es dort, wo eine Stimme war, auch eine Quelle derselben geben musste, und wenn diese in ihrer Anmutigkeit auch nur wage dem Gesang glich, so MUSSTE ich sie sehen.
Also stürzte ich mich wieder ins Wasser, tauchte mit kräftigen Zügen die ersten Meter, kam an die Oberfläche und ging voreilig zum Kraulen über. Tatsächlich bin ich ein recht guter und durchtrainierter Schwimmer gewesen, aber man bedenke, dass meine leichtsinnige Wanderung mich viel Kraft gekostet hatte, und so war es nochmals jugendliche Dummheit, die mich noch mehr Kräfte kostete, so dass ich prustend und keuchend in langsames Brustschwimmen übergehen musste, ohne auch nur ein Drittel der Strecke geschafft zu haben. Ich glaube, so langsam dämmerte es mir da, dass ich meine Kräfte besser hätte schonen sollen und dass die Strecke nicht unüberwindbar, doch vielleicht zu lang war, um sie so leicht zurückzulegen, denn mühsam nur -und sehr langsam- durchglitt ich das Wasser.
Ich atmete zu schnell und unregelmäßig, kam aus dem Rhythmus und
schluckte hierdurch Wasser. Das Salzwasser erzeugte in mir Übelkeit, außerdem begann ich zu husten, kam hierdurch noch mehr aus dem Rhythmus, und das alles verschlimmerte meine Lage nicht unerheblich.
An dem wievielten Teil der Strecke ich dann beinahe jämmerlich ertrunken wäre, kann ich kaum sagen, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich mich fast aufgegeben, kämpfte mich halb bewusstlos mit automatischen Bewegungen voran. Doch was war das?
Immer dann, wenn meine Kräfte endgültig zu versagen schienen, wenn ich mit dem Schwimmen aufhörte, um mich meinem Schicksal zu ergeben, drang der wunderbare Gesang an mein Ohr und in mein Bewusstsein. Und wenn auch kein sichtbares Ziel für meine tränenden, salzwassergereizten Augen mehr da war, so blieb der Gesang doch das Ziel. Ich weiß nicht wie ich mich korrekt ausdrücken soll, doch kommt es der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage, dass der Gesang AN MIR ZOG, so als ob er nicht wie Schall die Luft durchwob, sondern wie das Netz eines Fischers, in dem ich gefangen war und das nun eingeholt wurde. Mag sein, dass das verrückt klingt, und wie ich schon sagte, womöglich ist es nicht recht verständlich ausgedrückt, aber es war einfach so: Ich empfand die Anziehung dieser überirdischen Klänge geradezu PHYSISCH.
Irgendwie gelangte ich dann schließlich wirklich zu dem vorgelagerten Riff, und ohne den Gesang, das mag man mir wohl glauben, wäre ich nicht soweit gekommen. Jedenfalls stieß ich plötzlich an irgendetwas festes, einen Felsen, griff instinktiv nach oben und fasste Halt. Dann zog ich mich mit einer allerletzten Anstrengung aus dem Wasser, die spitzen und scharfen Formen unter mir missachtend. Oben angekommen rollte ich auf den Rücken, sog verzweifelt die Luft tief in meine Brust und ließ mich endlich in die Besinnungslosigkeit fallen. Der letzte Eindruck, an den ich mich noch schwach erinnern kann, war der von einer wohlgeformten Gestalt, die über mir stand, ein Schatten, der sich vor der Sonne erhob.
Mein Erwachen glich einem langsamen Hinübergleiten und dauerte an. Die Glieder schmerzten zum Teil, zum Teil waren sie taub, auch war ich mir zuerst nicht klar darüber, wo ich mich befand.
Kurz bevor ich die Augen öffnete, spürte ich etwas: Ein sanfter Hauch, ein süßer Atem fuhr mir ins Gesicht. Meine Lider hoben sich. Verschwommen nur, wie durch Nebel, nahm ich durch die halb geöffneten Augen eine Frauengestalt war, von geradezu mystischer Schönheit und unerwartet heller Haut. Sie war nackt, und auf ihrer Haut glitzerten Perlen von Salzwasser. Sie beugte sich über mich, und ich spürte ihre Hände meine Brust massieren, was das Blut in meinem Kopf und meinen Gliedern wieder schneller zirkulieren ließ, so dass der Nebel verschwand und ich feststellen musste, dass dies kein Traum war! - Mein Verstand hingegen wehrte sich noch so heftig gegen diese Einsicht, dass ich mit mir selbst rang, und dieses Ringen hinderte mich, etwas zu sagen oder zu fragen, bevor ihre Lippen -salzig, doch nicht bitter- die meinen berührten und ihre bloßen Brüste an meiner Haut rieben.
Sie drückte sich an mich, ein Schaudern durchfuhr mich, und ein brennendes Verlangen, das man meines geschwächten Zustandes wegen als absurd bezeichnen hätte müssen, erfüllte mich ganz und gar.
Dieser Umstand war schon merkwürdig genug, der Gesang aber, der noch immer nicht enden wollte und mich in einen hypnotischen Bann geschlagen hatte, lassen keinen Zweifel: Kein menschliches Wesen besitzt solche Kräfte, solche… Magie!
Ihre Haare kitzelten meine Brust, meinen Bauch, sie drückte mich auf den Felsen, als ihr Mund mein Geschlecht erreichte, und ich gebe zu, vielleicht war es nicht NUR Hypnose, als ich mich ihren Lippen hingab. Doch wie! -Sie sog an mir, zog an mir, nicht nur physisch, nein, psychisch: Sie zog an meiner Seele! Sie saugte an mir, an meiner Lebenskraft, und trotz dieses verderblichen Vampirismus ließ ich nicht davon ab, mich ihr im Liebesakt hinzugeben.
Da aber, auf dem höchsten Gipfel der Lebensfreude und der Lust, erlebte ich eine böse, grausame Überraschung: Urplötzlich hob sie den Kopf, lächelte, doch war es nicht das bezaubernde Lächeln jenes überirdisch schönen Mädchens, sondern das teuflische, höhnische und sardonische Lächeln einer raubvogelhaften Fratze, und ich erschrak und fuhr zurück. Meinen Blick in blankem Entsetzen auf das Ergebnis einer unbemerkt vollzogenen, satanischen Metamorphose gerichtet, erkannte ich nun ein Höllenwesen - halb Frau, halb Vogel-, welches raubtiergleich über mir hockte und allzu offensichtlich nach meinem Leben trachtete.
Nur wage noch ließen sich die Züge des Mädchens erahnen, denn von Schönem fand ich keine Spur mehr. Im Bewusstsein, in Kürze eine leichte Beute für diese ekelhafte Bestie zu werden wollte ich entfliehen, jedoch hatte der unerwartete Liebesakt mir die Kräfte soweit geraubt, dass mir die Glieder den Dienst versagten.
Im letzten Moment, gerade noch rechtzeitig genug, um dem gierigen Schnappen des Wesens zu entgehen, rollte ich zur Seite und fiel ins Wasser.
Was für ein unnötiges Unterfangen war dieser Fluch, ebenso der darauf folgende, aussichtslose Kampf gegen das Ertrinken.
Denn natürlich hatte ich nun nicht einmal geringste Kraftreserven, so dass ich noch einige Male hilflos um mich schlug, um dann trotz Treten und Strampeln zu versinken. Ich schluckte Wasser, dann drang es auch in die Lunge und mir wurde schwarz vor Augen. Wenn man bedenkt, was ich erlebt hatte, war dies ein Ende von geradezu peinlicher Trivialität.
Nun, ich kann kann nur vermuten, was dann geschah. Mein Körper, von einer Strömung erfasst, trieb hinaus aufs Meer, sank tief hinab, und als ich erwachte, da lag ich hier in Lautlosigkeit und Dämmerlicht von Fischen umschwärmt.
Letztere nagten an mir, weideten auf totem Fleisch, und schließlich lagen dort blanke Knochen. Mit der Zeit siedelten dort Korallen, doch noch bevor ich von diesen winzigen Baumeistern ganz bedeckt war, begrub mich der Sand. Eine öde Zeit war das, doch sie ist nun vorbei.
Und nun, da das Tageslicht wieder weit über mir schimmert, da die Weite des Ozeans mich auf Ewig umspült, werde ich an SIE denken, und ich beginne eine kleine Melodie zu summen, eine süße Melodie, durchdringend und hypnotisch und vielleicht, wenn jemand lauscht, dann mag er sie hören, wie sie das Rauschen der Wellen durchwebt wie das Netz eines Fischers.
No commentsAug 6
Hypnos 11 - Der Wurm
DER WURMÂ
Wie ich hier herkam, das weiß ich nicht. Ich bin tatsächlich ohne jedes Wissen um meine Herkunft und einer Reise zu diesem wohl rätselhaftestenPlatz im Universum. Nur eines vermag ich (.und vermochte ich schonimmer) mit Bestimmtheit zu sagen, nämlich daß ich nicht von hier stammeund auch nicht hierher gehöre.Sollte dieses Rätsel noch zu meinen Lebzeiten gelöst werden, so sollte michdies erfreuen, denn dadurch würde mir mein Schicksal auf dieser Weit, aufder ich lebe solange meine Erinnerung zurück reicht, sehr erleichtertwerden, denn die Unwissenheit ist mit unerträglich, ja, ich leide, leidefurchtbar darunter, daß dieses Wissen um meine Herkunft in den dunklen,tiefen Schluchten meiner Erinnerung verlorenging. Ich ersehne mir dieBestätigung dessen, was ich im Grunde schon längst weiß: Daß ich nämlichnicht von dieser Welt bin, sondern von einer fernen, unendlich weitentfernten Welt, einem Planeten am anderen Ende des Kosmos. TausendeMale habe ich mich selbst verflucht deswegen, habe ich meine Seeleverflucht, die dieses kostbare Wissen einfach über Bord geworfen hattewie unnötigen Bast. Doch dann, als Rettung vor dem eigenen Zorn,fragte immer bald mein Verstand: Was kannst du denn sagen über Glückoder Unglück, welches die Erkenntnis mit sich bringen mag ?Dies ist nur ein schwacher Trost, und ebenso die unglaubliche Schönheit,die mich umgibt. Denn obwohl ich mich, wie schon erwähnt, soweit ich micherinnern kann auf diesem Planeten befand, sind mir all diese Orte fremdund unheimlich, sie faszinieren mich auf eine gar phantastische Weise andberichten mir von ihrer einzigartigen Fremdartigkeit, von der gigantischenPhantasie der Schöpfung dieser grausam schönen und zugleich unendlichvielfältigen Welt.
 Indessen genügte mir jedoch allein der Umstand, dass sie mir fremd bliebwährend all der langen Zeit, um zu der Gewissheit zu gelangen, HIER NICHT HERZUGEHÖREN.Â
Sollten jemals andere Augen als die meinigen diese Welt erblicken, so wirdihr Besitzer feststellen, dass die Art der Faszination, ihre ungeheure Stärkenicht unbegründet ist; denn dieser seltsame Ort, entspricht in vollem Maßeden Wundervorstellungen meines Geistes, als ob sich hier manifestieren würde,was anderswo vermutlich umsonst gesucht wird.Â
Obwohl ich glaube, ja, ich mir sogar sicher bin, dass mein Versuch kläglichscheitern wird, will ich hier eine Beschreibung meiner Umwelt geben. Ichweiß jedoch: Keiner der Sinne ist annähernd fein genug, um auch einenBruchteil der ganzen phantastischen Szenerie, welche sich vor mirausbreitet zu erfassen, auch wird es mir schwer fallen, das wenige, was ich SEHE in Worte zu fassen, denn wie kann man das UNBESCHREIBLICHE beschreiben? Nun sei dies mein kläglicher Versuch, angefangen mit derBeschreibung des smaragdgrünen, klaren Himmels, an dem die hellen Sternewie Diamanten prangen, doch spottet ihr Glanz jedem Edelstein, denn ihrerstaunliches Funkeln und das Leuchten, welches alle Farben desRegenbogens aufweist, ist nicht das gebrochene Licht aus fremder Quelle,sondern es entstammt den herrlichen Sternen selbst. So blinkt und glitzertes in einer phantastisch-stellaren Weise, hinunter bis zum Horizont,wo sich das Himmelssmaragdgrün mit jenem unergründlichen,energiereich-lebendigem Grün gigantischer Wälder trifft. Tausendeverschiedenster Bäume bilden diese Wälder, jeder von ihnen so hoch, als würde er die Sterne selbst anstreben, jene Sterne, die den Bäumen daswertvolle Licht schenken. Es gibt keinen Unterschied zwischen Tag undNacht, aber es reichten die Strahlen der Sterne, um hier die Schöpfungzu vollziehen. Welch einen Anblick dieses farbenprächtige Panorama auchdarbietet: Die unheimliche, weil fremde, und doch so anziehende Aura,die über allem liegt, ist der wahre Grund meiner Faszination.Â
Nun möchte ich hier von einer seltsamen Begegnung mit einem der Geschöpfedieser Welt berichten. Es war kurz nachdem ich den Bau meiner neuenHütte vollendet hatte, als mich die Suche nach neuen Dingen, Abenteuernund etwas Essbarem in diejenigen Gebiete führte, welche weniger dichtmit Wäldern bedeckt waren, wo hier und dort die nackte Haut des Planetenhervorschaute und weite Felder aus niedrigem Gestrüpp die Ebenen füllten.Â
Eben dort erhaschte ich einen Blick auf längliches, wurmartiges Tier,gerade dabei, seinen Weg unter der Erde fortzuführen, doch noch nichtgänzlich vom Erdreich verschlungen und von einer Länge, die etwa zweimaldie meinige sein mochte- und mein Erstaunen über diese Entdeckung hieltfür lange Zeit an, so dass ich gebannt auf die Erde starrte, dorthin,wo der Wurm schon schon lange in das Innere der Welt getaucht war, und auf die lange, im Sternenlicht grün und violett glitzernde Schleimspur, die er über der Erde hinterlassen hatte. Ich hatte schonoft die kriechenden Tiere beobachtet, die in ihrer Anmutigkeit undEinzigartigkeit den fliegenden Geschöpfen des Himmels mit ihrenverlockenden Farben nicht unterlegen waren, doch war dies meine großartigste Begegnung.Â
Wie oft kreisten nun meine Gedanken um jene wunderbare Kreatur aus denTiefen dieser Welt, die so kraftvoll gewirkt hatte in all ihrerLangsamkeit, eine Kombination, die mir die Assoziation des Begriffes”majestätisch” nahe legte. Ich dachte daran, wie es wohl jemandemgehen mochte, irgendwo auf einem fernen Planeten, vielleicht dort, woich WIRKLICH herkam, der wusste, dass er DORTHIN gehörte. War diese Welt ebenso einnehmend, ebenso von hypnotischen Einfluss auf die Sinne wie die meinige, die gar nicht die meinige war? Wie waren die Geschöpfe dort, wie WIRKTEN sie auf ihn, wie ging er mit ihnen um?Â
So verging denn auch die Zeit, indem ich mich an den Wundern dieses Planeten erfreute, einer Welt, in der sämtliche Details im Einklang von einer überragenden Schöpfung erzählen.Â
Bis zu jenem Tage, der mich schaudern und nachdenklich macht, dass ich nun an der Berechtigung meiner Existenz HIER zweifle. Es geschah, als ich von einer meiner Expeditionen durch die grünen Gigantenwälder zu der selbsterbauten Hütte zurückkehrte, reich beladen mit wertvollen Schätzen und Erfahrungen, wobei mich jedoch ein unbestimmtes, nie gekanntes Gefühl überkam, ja, immerfester umklammerte mich eine unheilvolle Unruhe, die mich bis vor meine  Hütte verfolgte,  wo ich geschüttelt  von  düsteren Vorahnungen vorsichtig meine reiche Beute ablud und mich dem schmalen Eingang näherte.Â
Ich glaube, das Vergessen des Wissens um meine Herkunft hat mich vor einem schweren, vielleicht tödlichen Schicksal bewahrt, da es mir die Anpassung an eine Welt erlaubte, für die ich nicht geschaffen war, DIE MICH NICHT ERSCHAFFEN HATTE.Â
So trat ich denn ein in die Hütte,  blickte umher, nach unbestimmten Dingen suchend. Irgendetwas störte; vielleicht war es ein Geruch, vielleicht auch nur diese wage Ahnung, doch machte es meine Vorsicht nur noch größer. Da trat ich in den Vorratsraum ein, und plötzlich, so vermeinte ich für Sekunden, STAND ICH MIR GEGENÜBER!  Doch war das nur eine Täuschung, beruhend auf der erstaunlichen Tatsache dieser Ähnlichkeit der Verteilung der Gliedmaßen des fremden Geschöpfes, das ich da erblickte, mit der meinigen. Dort stand in gebeugter Haltung ein grünes Ebenbild meiner selbst, schuppig und schmal, und es stierte mich aus seinen braunen Augen furchtvoll an, als ich des zerstreuten Vorrats gewahr wurde. Die letzten Brocken seiner Mahlzeit, die meine hätte sein sollen, lagen noch in seinen geschuppten Klauen. Die Angst, gesteigert bis auf das Höchste, stürzte meine Gedanken in das tiefste, hoffnungsloseste Chaos der Panik, was dann zu jenem bedauerlichen Vorfall führte, dessen Folge der Tod jenes merkwürdigen Geschöpfes war. Ich möchte mich nicht näher an die Einzelheiten erinnern, sondern nur erklären, dass ich in meiner Panik das Verschulden des Todes der armen, unwissenden Kreatur auf mich lud. Ich begrub sie auf einer kleinen Anhöhe in der Nähe der Hütte, nachdem der Schock der Erkenntnis die unsagbare Trauer mit sich brachte, die bis heute anhielt.Â
Der “Schock der Erkenntnis” sagte ich. Der Erkenntnis, ein Fremdkörper zu sein, eine monströse Krankheit gar, die in der Lage wäre, dies Paradies zu zerstören, unbeabsichtigt, ohne Vorsatz, einfach nur WEIL ICH EXISTIERE. Was wiegt nun schwerer: mein Leben oder das dieser Welt? Ja, bin ich überhaupt in der Lage, geschweige denn berechtigt, diese Frage überhaupt zu stellen, wo eine Antwort doch unmöglich scheint?Â
Und so stehe ich hier am Abgrund meiner Erinnerung, und es scheint mir, als könnte ich niemals dort hinunter springen und Vergessen in den Gedanken an den Ort meiner Herkunft suchen.Â
Ich beobachte den großen, schleimigen Wurm, der glitzernd unter den Sternen in den Boden taucht, wieder hervor schießt, um wieder zu verschwinden, wie wohl schon seit Jahrtausenden. Trotzdem ist etwas anders. Denn es stellt sich eine Frage in den Raum, einsam, nur mit meiner Unkenntnis vereint: Wer hat mehr recht zu leben, ICH ODER DER WURM?Â
Ich glaube, die Antwort fiele zumindest im Sinne DIESER Welt zu meinen Ungunsten aus.   Â
(c) Thomas Wiese (www.thgwiese.de)
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Hypnos 10 - Das Grab
DAS GRABÂ
Endlich angekommen in der Stadt jenseits der Morgenröte, verschreckte ich die Einwohner jener dämmerigen, halb vergessenen Gegend sogleich durch meine unverhohlenen Fragen und meine bohrende, zielgerichtete Neugierde. Nicht wenige reagierten mit offener Feindseligkeit und stechendem Blick, wenn sie erfuhren, wonach ich suchte, doch meistens ließ ich nur Verwirrung und fragende Augen zurück. Und obwohl seit meiner Ankunft nach Maßstäben der Menschen erst kurze Zeit vergangen war, machte schon bald ein Gerücht die Runde, durchschlich flüsternd die feinadrigen Wege der Stadt, erfüllte tentakelhaft jede Gasse und durchschritt jedes Tor und jede Pforte. Schließlich gelangte es zu mir, seinem Vater, zurück, gleich dem verlorenen Sohn durch die Fremde verändert, doch sehr wohl noch zu erkennen.
„Es gibt ein Grab“, flüsterte man, „darin niemand liegt. Nichts weiß man über seinen Zweck, nichts darüber, für wen es ausgehoben wurde. Auch ist nichts über den Totengräber oder gar dessen Auftraggeber bekannt. Niemand kann sagen, wie lange es schon existiert, noch ist irgend jemand in der Lage, auch nur anzudeuten, wo es sein könnte.“
Jenseits der Morgenröte weiß man nur wenig über den Tod, denn nirgendwo ist er so nah wie hier, und wer in nahezu vollkommener Dunkelheit steht, der sucht eigentlich nicht die Nacht. Hier gab es nur schattenhaftes Halbleben und gräuliches Halbwissen, und ich entfachte die Gier nach mehr. Dies war auch mein Plan; denn tatsächlich suchte ich ein Grab, jenes geheimnisumwobene Grab des vollkommen Unbekannten, auf dessen Spuren ich schon seit Anbeginn meiner Existenz wandele, jene namen- und sinnlose Grube, deren nacktes Dasein allein das Ziel, genannt Vollkommenheit, zu sein schien. Doch nie war ich in der Lage gewesen, mich auch nur ein Stück meinen meinem Ziel zu nähern; nicht in den brütenden Wüsten des Südens, die Leere nur vortäuschen; nicht in den Mysterien des Ostens, welche die Existenz des Grabes in Frage stellen; Auch nicht in der unterkühlten Vernunft des Nordens und der überheblichen Verderbtheit des Westens, die mit dem Tod spielt, ohne ihn zu kennen, konnte ich keinen weiterführenden Hinweis finden.
Gewiss war nur: Das Grab existierte, da ich, der nach ihm Suchende, existierte.
Wen hätte ich fragen sollen, wonach hätte ich fragen sollen, da es doch um das Grab des vollkommen Unbekannten ging?
Hier nun, in der Stadt jenseits der Morgenröte, in der Grauzone zwischen Leben und Tod, verfolgte ich meinen perfiden Plan, andere für mich suchen zu lassen, die Legionen der Schatten und Halbwesen dazu zu bringen, auszuschwärmen und die weiten Gefilde einer nebeldurchzogenen, kränkelnden Welt zu erforschen.
Mein Plan ging auf und wie ein Goldrausch durchzog nun eine Aufbruchstimmung die endlosen labyrinthischen Gassen, und jeder, selbst die Schatten der Schatten, welche nicht wissen, und nicht wissen werden, entflohen geradezu in einer auseinanderstiebenden Wolke der Heimat bis an die Grenzen der Morgenröte und womöglich – unfassbar! - darüber hinaus.
Bald schon war ich allein und fiel nach und nach der Vergessenheit anheim. Niemand kam zu mir und berichtete von einem Grab. Ich war mir sicher: viele Gräber waren gefunden worden (und vieles andere!), und jedes der Halbwesen und Schatten hatte irgendetwas gefunden. Manchen hatte es eifrig gemacht, noch weiter zu suchen, manche blind oder wirr, doch so mancher gab sich nach langer Suche dem Objekt seines Findens kontemplativ hin.Die Stadt jenseits der Morgenröte verfiel mit den Äonen, die zäh vorüberflossen und wurde vergessen, und mit ihrem Zerfall verblasste erst meine Erinnerung an sie und dann schließlich auch jene an das Grab des vollkommen Unbekannten.
Nun endlich war ich frei, und konnte gehen, wohin ich wollte, denn es existierte nichts mehr in meiner Erinnerung, was es zu suchen gab. So trat ich durch das, was einst das Tor der Stadt gewesen war und erblickte in nicht allzu großer Entfernung einen Hügel. Da es nichts zu suchen gab, ging ich nicht nach links, nicht nach rechts, sondern geradewegs auf diese Erhebung zu und erklomm sie.
Nicht einmal der schwächste Nachhall der Erinnerung überkam meinen Geist, als ich dort oben vor einer sauber ausgehobenen Grube stand. Sie sagte mir rein gar nichts, doch lag sie auf meinem Weg, und so sprang ich hinein und legte mich nieder, da es ja nicht zu suchen gab.
So fand ich jenseits der Morgendämmerung, vor den einstigen Mauern einer seit uralten Zeiten verlassenen Stadt im Lande des Vergessens die Vollkommenheit, lag da und wartete darauf, dass die Winde des Jenseits das Grab mit Staub füllten, um zu guter Letzt auch dem Land selbst Vergessenheit zukommen zu lassen.
Ich jedoch lag ganz still und lauschte ihrem Säuseln, Winseln und Pfeifen, schloss die Augen und wusste, dass mir viele folgen würden.
(c) Thomas Wiese
No commentsJul 22
Hypnos 09 - Die Brücke
DIE BRÜCKE
Als die Sonne schon Streifen von Rosa und Violett an den Himmel malte und die Luft langsam eine scharfe Kälte annahm, trat ich aus dem freundlichen, lichten Wald hervor, den ich auf seiner ganzen Länge durchquert hatte, und schritt eilig auf die Brücke zu. Der Wächter der Brücke sah mich sofort, winkte mir freundlich zu, was mich zu einem leichten Lauf verführte. Doch dann hatte ich den Anfang der Hängebrücke erreicht, spähte an dem grauhaarigen Mann vorbei auf die Konstruktion: sie beunruhigte mich.
“Nur zu!” sagte der Alte und blinzelte mir lustig zu, aber so schnell und leichtfertig wollte ich seiner Aufforderung nicht nachkommen.
“Wird sie halten?” fragte ich.
“Oh ja, sicherlich wird sie halten, wenn Du Dich beeilst!”
Fast hätte ich da den Schritt an ihm vorbei getan, aber geradein dem Augenblick fielen mir die nachlässig geknüpften Knoten auf, und der Abgrund unter der Brücke war grausig. Das Rauschen des Wassers in der Tiefe barg Geheimnis.
Der Wächter wandte sich mir zu:“Willst Du nicht hinüber?”
“Natürlich. Ich bin nur etwas unsicher, was die Haltbarkeit der Brücke angeht.”Er lachte laut auf.“Sei nicht albern! Alle müssen hinüber, und alle kommen an!”
Das war überzeugend, schon war ich an ihm vorbei. Mein-Gott, wie modrig die Seile waren! Wie schlüpfrig die Bretter! Der Grauhaarige beugte sich ganz nah an mein Ohr.
“Geh nur!” flüsterte er.
“Du bist doch nicht der Erste.”
Mich wiederum verblüffte es nun, als ich ihn von meiner Frage nach einem anderen Weg überrascht sah.“Kann man nicht hinüberschwimmen?”
“Natürlich! Natürlich!” rief er. “Man kann auch hinüberfliegen.”
Das ärgerte mich, daher bemerkte ich trocken: “Keine schlechte Idee.”
Der Alte hüpfte ungeduldig von einem Bein auf das andere. “Willst Du hier ewig herumstehen? Worauf wartest du? Es wird bald schon dunkel!”
“Nun gut.”Ein Schritt an die Kante, den Rand des Abgrunds, mehr schaffte ich nicht, denn als ich nun auf den Weg vor mir schaute, zuckte ich zurück: Welch ein Anblick! Die Taue, schimmelig, teilweise in Fetzen hängend, die Bretter, auf die ich fast meine Füsse gesetzt hatte, wurmzerfressen, gebrochen oder gar gänzlich fehlend. Der Wächter klopfte mir auf den Rücken. “Nun aber schnell!”                             Â
Ich schüttelte den Kopf, ließ ihn stehen und suchte mir den Weg’ nach unten. Der Pfad war sehr schmal, kaum zum hinuntersteigen geeignet, und ich wäre ganz sicher zu Tode gestürzt, wenn ich nicht einen Trick benutzt hätte: Meine Augen ließ ich fest verschlossen, so dass mich kein Schwindel überkam, nur so überstand ich - auch psychisch! - diesen gefahrverseuchten Weg. Unten angekommen durchschwamm ich das Wasser nicht –i ch durchwatete es. Auch war es weit weniger kalt als die Legenden, die ich darüber vernommen hatte, mich hatten glauben lassen. Â
“Die geraden Wege, die uns gewisse Gesetzmäßigkeiten vorgeben sind selten die, die uns ans Ziel führen,” dachte ich.
“Die Wege, welche wir aus Vorurteilen heraus verschmähen, sind die richtigen.”
Und als ich am anderen Ufer emporstieg, da erfüllte mich Stolz auf meinen scharfen Blick.Schließlich, weit oben, traf ich am diesseitigen Ende der Brücke wieder auf den greisen Wächter.                        Â
Schuldbewusst sprach er: “Hättest du die Brücke benutzt, wärest du ganz sicher umgekommen.”
“Warum hast Du mir das nicht vorher gesagt?”Â
“Da habe ich es noch nicht gesehen.”Â
© Thomas Wiese
No commentsApr 11
Hypnos 08 - Der Hügel
DER HÜGEL
For a hill man would kill…Â Â Â Â
Metallica, For whom the bell tollsÂ
Man hatte mir gesagt, dass ich es tun müsse. Deshalb tat ich es.Der Feind durfte nicht gewinnen. Auch das hatte man mir gesagt.Und es reichte als Begründung. Denn wo bliebe der Grund sonstfür all unser bisheriges Tun und Handeln ? Und ich wusste:Der Feind denkt genauso. -Nur das wir nun die Chance zum letztenSchlag hatten. Sagte ich wir ? -Guter Witz ! Ich meine: ICH habe die Chance.Soweit ich mich erinnern kann, lebte ich bei dem Hügel, dort imLager bei meinen Leuten. Der Feind lagerte auf der anderen Seitedes Hügels, schon immer, und schon immer war er unser Feindgewesen.Solange hatte diese Feindschaft gedauert, dass niemand mehr lebte,der hätte sagen können, wie es dazu gekommen war. Und auch dieserZustand der Unwissenheit dauerte nun schon seit Ewigkeiten an.Wir kannten den Feind nicht gut, aber wir kannten seine Grausamkeit.SEINE !Außerdem hatten wir einen Auftrag, und die Erfüllung dieses Auftragswar die Begründung für unser Hierbleiben, ja vielleicht sogar fürunsere Existenz.Der Auftrag lautete: Den Hügel vor dem Feind zu schützen und eher ihnzu vernichten (und uns mit ihm), als ihn in seine Hände fallen zulassen. Es war heiß, sehr heiß an diesem Morgen HÖLLISCH heiß. Wen wundert’s ?-Ich BIN in der Hölle, deren sieben Kreise man den Hügel nennt. Jetztbefinde ich mich im innersten Kreis, der tiefsten Ebene des Hügels.Und ich bin gekommen, um die Hölle zu entzünden.Es war ein schwerer Weg hierher, zu schwer, fast hätte ich es nichtgeschafft. Aber die Dringlichkeit meiner Aufgabe gab mir Kraft.Meine Reise hier zum Ende aller Dinge begann, als ihr letzter Angriffstartete. Sie kamen schnell und überraschend. Wir hatten keineMöglichkeit, rechtzeitig Schutz aufzusuchen, keine Möglichkeit zu entkommen, keine Zeit uns zu formieren und den Angriff abzuwehren. Eh ich mich versah, traf ein Projektil meinen Nachbarn im Gesicht,und noch bevor ich sehen konnte, wer da neben mir gestanden hatte,zerplatzte sein Kopf. Innerhalb von wenigen Minuten stand ich ineinem Leichenfeld, in einem Blutsee, rot und dick und den Gestankder herausgerissenen Gedärme verbreitend. Irgendwie gelang es mirin einem völlig automatisierten Handlungsablauf eine Lücke in dieReihen des Gegners zu sprengen, und zwischen ihren zerfetzten Leibernhindurchschlüpfend die rettenden Felsen zu erreichen. Mit Mühe undNot erreichte ich einen gewaltigen Stein, der über einer kleinen Muldeso thronte, dass er eine Art Dach bildete. Der Zugang zur Mulde war klein,und ich musste mich mit Gewalt hindurchzwängen, um in den Genuss ihresSchutzes zu gelangen. Dabei renkte ich mir die linke Schulter aus, aberich war vorerst in Sicherheit. Ich erkundschafte das Dunkel um michund fand etwas rundes, hartes, einen weiteren Stein, klein, aber großgenug, die Öffnung zu verschließen. Mit letzter Kraft, unglaublich fürmich selbst, gelang es mir, dem schwachen Menschen, dies äonenalteStück Natur zu meiner Rettung vor den Eingang der Mulde zu schieben.Nun mochte dies eine schützende Feste oder eine kühle Gruft.Finden würde man mich hier nicht. Oder doch ?Obschon ich wie aus weiter Ferne, leise und dumpf, durch dassteinverschlossene Tor die Stimmen der Feinde hörte, fiel ich in einenzeitlosen, unangenehmen, traumversäuchten Schlaf.Ich hatte zwei Träume. Der erste war wirr und mir unverständlich,barg aber Hoffnung, der zweite war grauenvoll. Möglicherweise habe ichaber auch beide Träume missverstanden. Doch ändert dies nichts, denn hierbin ich und lasse mich nicht von Träumen leiten.  Ich träumte folgendes: In einem Labyrinth aus konzentrischen Gängen,die auf unmögliche Art und Weise miteinander verbunden waren, jagteich dahin auf der Flucht einer mir unbekannten, aber allgegenwärtigenGefahr. Obwohl ich mich an diesen Traum ungewöhnlich klar erinnernkann, kann ich mich beim besten Willen nicht des Grundes dieserdiffusen Angst, die mich vorantrieb, ersinnen.Möglicherweise war der absurde Irrgarten selbst diese Ursache.Der Traum endete an einem Punkt, an dem ich einen Ausgang fand.Merkwürdigerweise zeigte mir der Traum nicht, was hinter dem Torlag.Der zweite Traum ließ mich schreiend erwachen. Ich träumte, ich wäre aufeinem langen Gang, düster und gefahrenschwanger, und ich lief, lief trotzder nicht abzumessenden Länge des Ganges. In der Ferne schien es einEnde zu geben, denn ein gleißendes Licht war dort zu erkennen.Auf dieses Licht lief ich zu, aber der Gang schien sich vor mir in Längsrichtung auszudehnen, so dass ich schneller laufen musste, um diesenEffekt auszugleichen. Dies ist nun keine ungewöhnliche Situation inAlpträumen. Was hingegen außergewöhnlich war, ist dass ich das Lichtselbst als Bedrohung empfand, und trotzdem das Gefühl hatte, geradedorthin, zum Ende des Ganges GETRIEBEN zu werden.Auch hier endete mein Traum mit dem Erreichen des Ziels, doch als ich dasLicht erreichte kam Entsetzen über mich, und mein Schlafendete. Dunkelheit umgab mich, und es dauerte etwas bis ich meineDesorientierung überwunden und mich mit meiner Situation abgefundenhatte. Ich wartete noch einige Zeit, lauschte, doch von den Feindenwar nichts zu hören. Trotz meiner Schwäche entwickelte ich nochmalsgerade genügend Kraft, um meinen Weg ins Freie zu bahnen. Das Lichtder Morgensonne blendete mich, und für einen Augenblick befand ich michwieder in jenem zweiten Traum. Dann waren die letzten düsteren Nebel desSchlafs und der Dunkelheit überwunden, und ich erinnerte mich an meineMission. Es war an der Zeit, den Zugang zum Hügel zu finden.Ich wand mich durch steiniges Gelände, kroch langsam voran, ignorierte Schmerzen und Wunden, Zorn und Trauer, gab es doch nur einZiel: In den Hügel zu gelangen und den Sieg über den Feind einzuleiten.So kroch ich weiter, hungerte und durstete. Mein Geist verwirrte sich. Ich dachte: Vielleicht ist der Eingang auf deranderen Seite des Hügels. Doch nachdem ich den Hügel mehrmals inverschiedenen Höhen umrundet hatte, verwarf ich dies und dachte nun:Möglicherweise ist der Eingang so gut versteckt, dass ich ihn niemalsfinden kann. Ich ging in einer Spirale den Hügel hinauf, drehte jedenStein dabei um, schaute hinter jeden Felsen. Da dachte ich: Vielleichtgibt es keinen Eingang.Wie viele Tage mochte ich wohl so erbärmlich verbracht haben ?Der Kraft meines Körpers war ich schon lange beraubt, doch die Kraftmeines Geistes verlor ich nun in der Erkenntnis dieser Möglichkeit.Ich brach zusammen und verlor das Bewusstsein. Meine letzte Wahrnehmungwar die eines Fallens ins Bodenlose. Als ich wieder zu mir kam, war es wieder dunkel, und es war kalt.Ich begann zu zittern, wollte aufstehen, aber es ging nicht. Beim Sturzhatte ich mir nochmals eine Verletzung zugezogen. Da ich mich sowiesohauptsächlich auf allen Vieren bewegte und manchmal nur noch die Krafthatte, mich wie eine Schlange auf dem Bauche vorwärts zu bewegen, war esegal, dass nun auch noch mein Fuß verstaucht war.Ich kroch in verschiedene Richtungen, aber überall traf ich auf kalteFelswände, die feucht und steil mich umgaben. Offensichtlich war ichin eine tiefe Felsspalte geraten, die ich trotz meiner Sorgsamkeitübersehen hatte. Jetzt ergriff mich Panik. Zwar hatte ich mit dem Lebenabgeschlossen, doch war es mir eine unangehme Vorstellung bis zu meinemEnde in einem düsterem Loch gefangen zu sein wie ein Tier.Plötzlich jedoch ergriffen meine suchenden Hände etwas kaltes, das glattwar, kein Fels, sondern Metall !Wer vermag zu erfassen, welches maßlose Erstaunen mich heimsuchte,als ich hier, erwartungsgemäß jenseits aller Hoffnung, den Eingang fand,den ich unter soviel Schmerz und Gefahr gesucht hatte ?Ich tastete weiter, fand den Mechanismus, der die Tür öffnete. Ihre Flügelschoben sich wie von Geisterhand beiseite und Licht umflutete mich.Vor mir lag ein langer Gang, von dem rechts und links wieder Gängeabzweigten. Ich zog mich mit beiden Händen über die Türschwelle, robbtenoch ein Stückchen weiter, drehte mich auf den Rücken und schlief ein. Der Hunger lässt niemanden gut schlafen, daher war meine Ruhe vermutlichnur von kurzer Dauer. Ich fand die Tür geschlossen, auch ein Mechanismuszu ihrer Öffnung war nicht zu erkennen. Allerdings war das an diesem Punktvöllig unbedeutend geworden. -Ich würde den Hügel nie mehr verlassen.Nun erst hatte ich Gelegenheit, meine Umgebung wahrzunehmen. In denWänden der Gänge waren große quadratische Lampen, die ein kühles, weißesLicht ausstrahlten. Ihre gläsernen Frontplatten schlossen mit den Wändenglatt ab. Soweit ich sehen konnte, gab es nichts anderes in den Gängen,sie waren einheitlich und öde. Außer: Als ich näher hinschaute erspähteich mehrere kleine Vorsprünge in der Decke, in die eine Art künstlicheAugäpfel halb eingelassen waren, welche mich misstrauisch zu beobachtenschienen. Kein Zweifel, dies war ein Teil einer Abwehrvorrichtung, umden wertvollen Inhalt des Hügels zu schützen. Was mochte passieren, wennich mich weiter in den Gang vorwagte ? Würden die Augen des Hügels michbemerken ? Und was würde dann geschehen ? Würde der Hügels selbst verhindern, dass ich ihn seiner Bestimmung zuführte ?Zutiefst bestürzt musste ich die ernüchternde Entdeckung machen, dassdie Gefahren, denen ich mich ausgesetzt hatte, noch nicht hinter mirlagen. Trotzdem: Ich war zu erschöpft, um mir einen Plan zurechtzulegendie Abwehrvorrichtungen zu überwinden. Also kroch ich voran, blindlingsund ohne zu wissen ob es die richtige Richtung war.Nun, ich weiß nicht, warum ich nicht getötet wurde. Möglicherweisehatten jene kalten Augen mich gerade deshalb nicht entdeckt, weil ichkroch.Ich kam,-vermute ich-, nicht weit, denn irgendwie gelangte ich in eineSackgasse, einen kleinen Raum am Ende eines der vielen Gänge. Dies aberwar meine Rettung, denn dort fand ich, dessen ich so dringend bedurfte:Wasser und Nahrung, letztere in einer Form, die für die Ewigkeitbestimmt war. Es war köstlich, als ich nach weiterer Ruhe merkte, wie dasLeben wieder in meinen Körper zurückkehrte. Köstlich, weil es ein süßerVorgeschmack auf meinen Triumph war, vor dem ich jetzt stehe.Es gibt von meiner weiteren Wanderung durch den gewaltigen Irrgarten,dessen Anzahl an Stockwerken ich nicht genau zu erinnern in der Lagebin, nicht viel zu berichten.Ob dies nun das Labyrinth meines ersten Traumes war ? -Die Unterschiedesind im Detail zu gravierend, um dies zu bejahen. Am Ende jedoch sind siefür MICH identisch, denn das wichtigste scheint mir an Labyrinthen zu sein,den Ausgang zu finden. Und beide Ausgänge hatte ich gefunden, den im Traumund diesen wirklichen Ausgang. Dies Labyrinth hat nur einen Ausgang, dortwo man ihn am wenigsten vermuten sollte: in seinem Innersten. Und diesenAusgang zu durchschreiten heißt den Hügel zu zerstören. Und mit ihm alles,denn wie ich schon sagte: Meine Aufgabe ist es, das Höllenfeuer zuentfachen. Die Bombe, die der Hügel beherbergt, ist der Schlüssel zumletzten Ausgang, den ein Mensch aus einem Labyrinth finden wird. Als ich diesen letzten Raum betrat, war ich erstaunt: Keine mystischeErfahrung überkam mich, keine Antworten auf all die Fragen fand ich, keinRätsel löste ich. Allein einen roten Knopf. -Sehr wenig für all die Mühemöchte man denken. Doch bedeutet dies auch, dass mir jetzt NUR EINE WAHLbleibt. Wann ist das Leben schon so einfach ?Ist das womöglich alles: zur Einfachheit gelangen ? Zur Einfachheitgelangen bedeutet jedoch: zum Tod zu gelangen. Ist das die Botschaft desHügels ?Merkwürdig: Hier erst habe ich angefangen zu fragen, ja es überkam michsogar ein Hauch von Unsicherheit. Aber es bleibt nichts übrig als denkleinen, roten Knopf zu drücken. Den verschlingenden, verzehrendenMechanismus des Hügels auszulösen. Das Licht zu bringen. Das Licht am Ende des Ganges. Â
(1) Anm.: “Lichtbringer” heißt lateinisch “Lucifer”.
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Hypnos 07 - Im Brunnen
Im Brunnen
Mein Zuhause ist sehr dunkel, und meinen Beobachtungen zufolge ist das nicht sehr beliebt bei den anderen. Sie mögen es zwar, wenn die Strahlen der Sonne nur ganz schwach über die Dächer ihrer Häuser hinweg streichen und den sonst so monoton blauen Himmel in ein buntes Gewölbe verwanden und ebenso haben sie das zärtlich die Augen liebkosende Licht des Mondes gerne, nie aber würden sie sich freiwillig in die Dunkelheit jenes Abgrundes wagen, den ich meine Wohnung nenne. Für unheimlich halten sie dies Dunkel und zittern in den lichtlosen Nächten, wenn der Mond und die Sterne sich hinter den mächtigen Schatten der Wolken verbergen, ein Gedanke, mehr noch ein Gefühl, welches ich nicht nachvollziehen kann, denn noch nie ist mir im Dunkeln etwas Bedrohliches zugestoßen oder aufgefallen. Es ist angenehm feucht hier bei mir, nur an Wärme mangelt es manchmal, jedoch habe ich vor langer Zeit einen Trick herausgefunden, diesen Mißstand bedeutungslos zu machen: Hier unten gibt es nämlich eine Menge Schlamm, und wenn man es richtig anstellt, kann man sich dort soweit hineingraben, daß man nicht nur vollkommen bedeckt ist, sondern auch noch eine dicke Schicht über sich hat, und man mag mir wohl glauben, es ist ein ganz wunderbar wohlig-warmes Gefühl, so beschützt vor dem grellen Licht, das des Mittags von oben hereinfällt, und vor der Kälte, die sich aus der gleichen Richtung des Nachts herabsenkt, einfach nur dazuliegen und zu träumen.
Manchmal, wenn auch nur selten, passiert etwas sehr Merkwürdiges: Obschon es dann für längere Zeit auch außerhalb des Schlammes sehr warm war - oben ist es dann vor Hitze kaum auszuhalten - überkommt mich ein unglaublich intensiver Drang, mich in den Schlamm einzuwühlen und zu ruhen, und diesem inneren Zwang, der mich dann befällt, vermag ich nicht - so sehr ich mich auch bemühe - zu widerstehen.
Wenn ich mich dann in den Schlamm begebe, ist eine seltsame Veränderung mit ihm vorgegangen, eine unangenehme Veränderung, denn er hat dann einen recht großen Teil seiner wohltuend umfangenden Weichheit verloren, ist viel trockener als sonst, und es fällt schwer, sich hineinzugraben.
Ist dann aber dieser anstrengende Teil geschafft, schlafe ich vor Erschöpfung lange und tief und ich träumte dann schon Träume, hinter deren Bedeutung ich auch nach all dem langen Nachdenken nicht gekommen bin. Ja von einem solchen Traum möchte ich berichten: Ich träumte, ich wäre einer von denen oben, und ich wäre nicht allein. Es waren noch andere da, und wir lebten gemeinsam in einer Wohnung, wie sie da oben üblich ist, nämlich erschreckend hell, furchtbar trocken und vollkommen ohne den Schutz des Schlammes. Was aber noch weitaus seltsamer war: Trotz dieser bedrückenden Vision empfand ich in diesem Traum keine Angst, ja ich fühlte mich sogar wohl, was ich aber nach meinem Erwachen beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte.
Es ist wirklich etwas sehr erschreckendes an diesen Träumen, in denen sich Abscheu und Wohlempfinden vertauschen. Doch darauf komme ich spätere noch.
Es gibt nur einen Eingang zu meiner Wohnung, weit, weit über dem Schlamm, ein rundes Loch mit genau den gleichen Ausmaßen wie meine Wohnung selbst, die kein Dach braucht, da ja der Schlamm da ist, um Schutz zu gewähren. Manchmal, wenn die Nacht mich umfängt und eine Entdeckung unmöglich macht, wenigstens aber in der Dämmerung, welche ich gerade noch ertragen kann, steige ich hinauf, denn ich mache mir einen Spaß daraus, die anderen zu beobachten, wenn sie auf dem weiten Platz, der den Eingang meines Zuhauses umgibt, hin- und herlaufen, einzeln, nicht selten zu zweit, manchmal aber auch in kleinen Gruppen.
Auch wenn es denen da oben nur schwer möglich ist, ohne das Licht des Tages etwas wahrzunehmen, war ich doch immer sehr vorsichtig, denn ich habe zwar keine negativen Erfahrungen mit ihnen gemacht, halte es aber für vernünftiger, sie im Unklaren darüber zu lassen, daß ich da bin.
Kontakt zu ihnen habe ich nicht. Wozu sollte das auch führen?
Also blicke ich ganz knapp über den Rand des Brunnens, allzeit bereit zurückzufahren und die verbergenden, nachtschwarzen Tiefen und in den beschützenden Schlamm.
Dieser Rand liegt etwas höher als der Platz selber und wird von übereinander liegenden Steinen gebildet. Die Form dieser Steine und die Tatsache, daß ich wage Erinnerungen mit meiner Behausung verknüpfe, ihrer Gestalt, ihrem Zweck und ihrem Namen, lassen mich zu dem Schluß kommen, das sie das Werk der Anderen ist. Doch Genaueres über die Herkunft meines Zuhauses, den Brunnen, ist mir nicht bekannt.
Dort hänge ich also ~n der Wand, ziehe mich bedächtig noch etwas nach oben - gerade soviel, um hinüberblicken zu können - und schaue auf den Platz, auf dem ich dann zum Beispiel eine jener Zweiergruppen beobachte, die langsam und nicht selten eng umschlungen im Licht des Mondes dahinziehen, und dies berührt mich tief, ohne genau begründen zu können, warum. Vermutlich hängt dies - wie so manches ungelöste Problem, so manches Geheimnis - mit meinen Träumen zusammen. Solche Paare, deren bloßes, scheinbar sinnloses Wandeln allein in mir so unbestimmbare Gefühle erweckt, bestehen recht häufig aus einem langhaarigen und einem kurzhaarigen Wesen, doch gibt es auch Ausnahmen, so daß mein ursprünglicher Schluß, ihr Benehmen hätte etwas mit ihren Haaren zu tun, zweifelhaft erschien und schließlich von mir verworfen wurde, obwohl gerade die langhaarigen Wesen in mir Erinnerungen an jene schon erwähnte, beunruhigende Träume wachriefen.
In dem Zusammenhang muß ich von einem sehr wichtigen Vorfall berichten, welcher mich veranlaßte, noch aufmerksamer, noch vorsichtiger zu sein. Einmal nämlich war ich sehr leichtsinnig.
Wie ich schon erwähnte, geht von den Langhaarigen eine besondere Faszination aus, und dies wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Eines Tages nämlich, als erste scheußlich grelle Strahlen über den Dächern auftauchten, kam eines dieser Wesen daher. Zu spät bemerkte ich, daß sie geradewegs auf mich zu kam, dann aber reagierte ich blitzschnell: halb kletternd, halb fallend verbarg ich mich in der Tiefe, doch anscheinend zu spät, denn es verging nur ein Augenblick und schon stand das Wesen oben am Eingang, spähte suchend ins Dunkel… - ich war entdeckt!
Das dachte ich jedenfalls zuerst, nur als das Wesen nicht ging, spähte und suchte, da wurde mir langsam klar, daß es im dämmerigen Licht vermutlich nicht genug ausmachen konnte, was es da oben am Rand des Brunnens - wohl nur als flüchtigen Schatten - gesehen hatte. Womöglich war es sich nicht einmal mehr sicher, überhaupt etwas gesehen zu haben. Jedenfalls sah ich seinen Kopf hoch über mir und konnte es beobachten, ohne selbst entdeckt zu werden.
Vermutend, daß das Wesen das Spähen in die Tiefe bald aufgeben würde, wartete ich weiter und weiter, erst als es offensichtlich war, daß die Geduld des Langhaars außerordentlich sein mußte, endete die meine und wurde durch Neugierde ersetzt. - Unendlich langsam krabbelte ich die steile Wand empor, meinen Beobachter dabei nicht einen Augenblick lang aus den Augen lassend, und trotzdem verließ mich das zweite Mal an jenem Tag die geforderte
Vorsicht: Ich erklomm zu große Höhe, um nicht doch von den scheußlichen Strahlen der inzwischen höher gestiegenen Sonne erfaßt zu werden. Das langhaarige Wesen, zu dem ich mich trotz seiner Fremdartigkeit wirklich HINGEZOGEN fühlte, muß mich in jenem Augenblick gesehen haben, und das muß wohl eine ziemliche Überraschung gewesen sein. Hörte ich doch einen entsetzten Schrei, im gleichen Augenblick verschwand das Gesicht und es folgte das rasche verhallen sich entfernender Schritte.
Ich blieb zurück, auf der einen Seite enttäuscht, denn meine Neugierde war längst nicht befriedigt, auf der anderen Seite aber doch mit genügend Eindrücken gefüllt, um mich den ganzen Tag zu beschäftigen.
In jenem winzigen Moment nämlich war ich dem    fremden Wesen nahe genug gekommen, um jede Einzelheit seines Gesichtes zu erkennen. Eine wage Erinnerung überkam mich da, ein Gefühl der Vertrautheit. Und der Schrei… die Stimme..
Am Anfang waren Stimmen. Unheimliche Stimmen, vertraute Stimmen, Stimmen, die diese dunklen Erinnerungen wachriefen, Erinnerungen an. - was?
Schließlich formen die Stimmen Bilder…
Ich träume. Ich träume von den Stimmen und den Bildern. Ich träume, ich wäre nicht ich, sondern jemand anderes. Mein Leben ist ein anderes Leben.
Was träume ich in diesem anderen Leben?
Nach jener Begebenheit wurden meine Träume intensiver, gleichzeitig aber wirrer, unverständlicher und damit auch bedrohlicher. Tatsächlich verbrachte ich die Zeit des Wachens nun damit, meine Träume zu analysieren, und das Ergebnis meiner Überlegungen war fast noch unheimlicher als die Träume selbst.
Diese Träume hätte ich gar nicht träumen dürfen, ja gar nicht träumen können! Um diesen seltsamen Umstand zu begreifen, muß man den Inhalt dieser angsteinflössenden Visionen kennen.
Zuerst träumte ich nur davon, ich würde mich ganz in der Nähe einer jener Behausungen der Anderen befinden, und hier schon war etwas, daß mich ins Grübeln geraten ließ: Diese Wohnung war mir völlig unbekannt, denn es war keine von denen, die an den Rand des Platzes angrenzten, in dessen Zentrum mein eigenes Heim stand. Woanders aber war ich noch nie gewesen!
Trotzdem war mir die Umgebung IM TRAUM so wenig fremd wie der Schlamm am Grunde meines Heimes, wenn ich wach war.
Auf einem Boden wandelnd, der von grünen Fäden bedeckt war - gleich denen, die sich manchmal zwischen den Steinen des Platzes hervor zwängten - und hier und da auch sternengleiche Tupfer in anderen Farben aufwies, erfreute ich mich doch tatsächlich daran, so frei und ungeschützt zu stehen. Ohne Sorge vor Entdeckung war ich.
Aber es sollte gar noch schlimmer kommen, denn die Träume wurden häufiger und klarer. Inzwischen brachte ich sie irgendwie mit jenem Langhaar in Verbindung, daß ich anscheinend so erschreckt hatte und welches damals in panischem Entsetzen vor meinem Anblick geflohen war.
Indessen war es mir zu jenem Zeitpunkt völlig unverständlich, was jenes seltsame Wesen mit jener Wohnung der Anderen zu tun hatte, in deren Nähe ich mich im Traum aufgehalten hatte. Es war eher ein Gefühl, das Wesen in Zusammenhang damit bringen zu MÜSSEN! War es ihre Wohnung? Träumte ich aufgrund irgendeiner seltsamen Verbindung, welche durch unsere Begegnung eingetreten war, davon?
Da ich nun ja schon solchen Gedanken nachging, schien es zwar nicht weniger geheimnisvoll, nur weniger verblüffend, als dann auch noch dieses Langhaar in meinen Träumen auftauchte, nur war sie hier nicht erschreckt, fühlte sich nicht durch meine Anwesenheit bedroht, und auch ich fühlte mich eher zu ihr hingezogen, aber nicht so wie damals am Brunnen, sondern bestimmt durch Vertrautheit und noch etwas anderes, das mir bis dahin unbekannt gewesen war.
Von diesem Zeitpunkt an war alles so klar und deutlich, daß man dagegen selbst Erinnerungen an allerjüngste Ereignisse als blaß hätte bezeichnen müssen.
Bald schon wußte ich nicht mehr genau, ob ich wachte oder träumte, ob ich mich in den Schutz des Schlammes begeben hatte oder den der weitläufigen Wohnung, die ich mit dem Langhaar teilte. Ja, TEILTE! Man stelle sich das vor!
Ich, der sich immer im Schutze der Tiefe verborgen gehalten hatte, lebte nun zwei Leben: ich hatte das Leben eines jener Anderen angenommen, dies war mir vollkommen klar, aber das ,,warum?” war nur wie der Eingang zu einer tiefen, leeren Grube.
Kurze Augenblicke, aufblitzende Visionen in meinen Träumen, füllten dieses zweite Leben genauso an wie lange Szenen voller Freude, aber auch Leid. Ich sah, ich fühlte, aber ich begriff kaum etwas von dem, was ich sah oder fühlte, denn zu fremdartig war mir alles. Meinem Ich bei Tag war mein Ich bei Nacht unverständlich.
Obschon meine Emotionen in direktem Zusammenhang zu stehen schienen mit jenen Dingen, die ich in meinem Traum wahrnahm und erlebte, konnte ich die genaue Art der Verknüpfung nicht ausmachen.
Am Ende jedoch gab es vieles, was ich aus vorhergehenden Träumen kannte, so daß es mir nicht mehr gar so seltsam und fremd erschien, ja es trat sogar eine gewisse Gewohnheit ein. Eines Tages träumte ich, ich säße auf dem Rand des Eingang meiner Wohnung, auf jenem Platz, der mir vertraut war, aber ich war nicht ich, ich war der Andere, und das Langhaar war bei mir.
Es hielt meine Hand, und ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte mich, so daß ich mich noch im Wachsein nach diesem Moment sehnte.
Keiner meiner Träume kam diesem gleich, und immer, wenn ich mich zum Schlafen zurückzog, hoffte ich darauf gerade dieses Erlebnis würde sich wiederholen.
Und wirklich!
- Es wiederholte sich immer und immer wieder, und es gäbe nichts weiter zu berichten, wenn nicht nach einiger Zeit ein anderer Traum - der letzte, den ich hatte - mich in tiefes Unglück, in den Abgrund unsagbaren Leids geführt hätte.
Wiederum befand ich mich in jenem Zuhause meines anderen Ichs, doch ich war allein und sehr erregt. Aufgewühlt durch Trauer und Wut, verängstigt und voller Sehnsucht nach jenem Langhaar, das mir doch inzwischen so vertraut geworden war, so unentbehrlich, verließ ich die Behausung und wanderte im Zwielicht auf mir unbekannten Pfaden, bis ich mich schließlich auf dem Platz und am Rande des dunklen Eingangs befand.
Dort saß ich lange und überwältigt von einer Vielzahl von Gefühlen.
Plötzlich schreckte mich etwas au{ denn ich hatte eine Bewegung wahrgenommen, meinte, etwas gesehen zu haben, dort unten um Dunkel, war mir aber bewußt, daß das nicht sein
KONNTE!
Also spähte ich noch tiefer in die Düsternis, und tatsächlich, da kam etwas die runde Mauer hoch gekrochen, etwas furchtbares, und in diesem Augenblick, als es sich fast schon völlig aus dem Dunkel heraus geschoben hatte, eine eklige, schlammüberzogene und schuppige Kreatur, da ergriff mich eine solche Furcht, das mich Schwindel ergriff
- Ich suchte Halt, griff aber ins Leere, dann stürzte ich, und mit einem Schrei des Entsetzens, der von den feuchten Wänden widerhallte, erwachte ich hier unten im Schlamm. Nichts weiter ist zu berichten, weder vom Wachen, noch vom Träumen. Was allein bleibt sind Rätsel und eine einzige gesicherte Erkenntnis, nämlich die, das mir mein zweites Leben, das eines derjenigen, die den Tag lieben und die Nacht fürchten, den Blick auf mich selbst ermöglichte, wie ich ihn selbst sonst nie hätte haben können.
Oder ist auch das nur Illusion?
Apr 1
Hypnos 06 - Der Fluch
Der Fluch
                     Wir im eignen Herzen finden,
             was die ganze Welt versagt (Chor)
             Goethe, Faust 2, III, Arkadien
An einem Frühlingstag, der so herrlich war, wie ein Frühlingstag nur sein kann, an dem die Vögel besonders laut, aber auch besonders schön zu zwitschern schienen, der Himmel von einem derart strahlenden Blau war, daß man die Dunkelheit der Nacht darüber ewig vergessen konnte, und die Tupfer federleichter Wolken ein Gemälde hatten entstehen lassen, daß keiner der größten Künstler aller Jahrhunderte hätte derart auf Leinwand
bannen können, fuhr ich mit dem Wagen Richtung Süden, denn ich war von einem alten und treuen Freund und seiner Verlobten zu deren Hochzeit eingeladen worden.
Doch irgendwie mußte ich wohl etwas zu sehr in Hochstimmung gewesen sein, denn es passierte mir etwas, was mir sonst nie passiert: Mir ging mitten auf der Strecke das Benzin aus. Und das war wirklich keine angenehme Sache, denn so, wie es aussah, befand ich mich auf einer abgelegenen Landstraße, an deren Verlauf zumindest für die nächsten 50 Kilometer keine Tankstelle zu erwarten war. Also ging ich los, einfach so, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Und ein wenig Glück hatte ich da schon, denn nicht lange, nachdem ich meinen Wagen verlassen hatte, kam ich an eine Abzweigung, und dort fand ich nicht nur einen Wegweiser, der auf einen Ort verwies, sondern erblickte in der angezeigten Richtung auch einige Häuser.Natürlich hatte ich meinen Kanister dabei und hoffte irgendwo dort, in jenem abgelegenen kleinen Dorf, meinen Treibstoffvorrat soweit aufzufrischen, daß ich es zumindest bis zur nächsten Tankstelle schaffen würde.
Und so kam ich am Dorfrand an, klopfte an der ersten Tür, an der ich vorüber kam, hatte die Worte meiner Bitte schon auf der Zunge, doch es machte keiner auf. Da erst fiel mir auf, daß niemand auf der Straße oder den Vorhöfen zu erblicken war. Jedoch sahen die Gebäude bewohnt aus, ausgesprochen gepflegt, und ich überlegte mir, wie wunderschön es doch wäre, in der Idylle eines solchen, abgelegenen und gepflegten Dorfes zu leben. Natürlich war dieser Gedanke reine Träumerei, denn weder der Beruf noch meine Finanzen ließen einen solchen Lebensstil zu.
Ich ging zur nächsten Tür, doch auch diese blieb verschlossen, so laut ich auch pochte, nachdem auf mein Klingeln niemand geöffnet hatte.
Doch dann, endlich, kam ich an einer Tür an, und nach einer Ewigkeit wurde mir geöffnet. Die alte Frau, welche hinter der Schwelle erschien, machte einen freundlichen Eindruck, aber sie schien schlecht zu hören, weswegen ich meine Bitte erst recht lautstark und mehrmals wiederholen mußte. Und dadurch, daß ich mich auf diese Behinderung konzentrierte, fiel mir ein anderer Umstand nun erst auf, als die Alte mir mitteilte, daß sie mir gern helfen würde, aber kein Benzin hätte, aber ich solle doch mal dahinten fragen – dabei zeigte sie in Richtung eines Hauses ganz am Rand des Dorfes, das nur über einen schmalen Pfad, der durch die Wiesen führte, zu erreichen war – und es stünde zu vermuten, daß mir dort geholfen werden konnte. Das, was mir vorher nicht aufgefallen war, bemerkte ich nun umso betroffener: Die Trübheit ihrer Augen und der ins Leere gerichtete Blick sagten mir, daß die Frau offensichtlich blind war.Ich bedankte mich für den Hinweis und wollte gerade gehen, da sprach die Alte in einem Ton von überraschender Dringlichkeit noch eine Warnung aus: Ich solle mich über den Mann, der dort wohnt, nicht wundern, er sei nur ein wenig verrückt, aber harmlos. Und ich solle beim Anblick seiner Frau nicht erschrecken. Auch sie sei harmlos, aber ein Fluch würde auf ihr lasten, und sähe dadurch ziemlich abstoßend aus. Sie selbst könne das zwar nicht beurteilen (sie zeigte auf ihre Augen), aber…
Hastig bedankte ich mich nochmals und schritt eilig in Richtung der Wiese. Man mag mir wohl glauben, daß ich den Hinweis der Alten nicht ernst nahm und daß ich nicht einen verrückten Mann erwartete, sondern vielmehr meine Informantin für etwas sehr verschroben hielt.
Dieser Gedanke bestätigte sich scheinbar, als mir an jenem abgelegenen Haus sofort geöffnet wurde und ein sehr freundlicher Herr, der seiner Erscheinung nach nur ein paar Jahre älter war als ich, mich sogleich zum Kaffee einlud und mir seine Hilfe zusicherte.
Eigentlich hätte ich lieber gleich den Kanister füllen lassen, und allzuviel Zeit hatte ich auch nicht mehr, doch ich wollte nicht unhöflich erscheinen und der Mann schien überaus erfreut zu sein, als ich seine Einladung annahm.
Seine Frau sei noch hinter dem Haus im Garten, würde aber bald auch hereinkommen, erklärte er mir, als wir uns an den Tisch setzten. Und dann, nachdem er ein paar allgemeine Fragen an mich gerichtet hatte, die keineswegs in irgendeiner Art aufdringlich oder indiskret waren, und wir die obligatorischen Ansichten über das Wetter ausgetauscht hatten, fing er ohne Umschweife an, von seiner Frau zu erzählen, und seine Augen begannen zu leuchten.
„Die Gute hat vorhin ein paar Blumen eingepflanzt, und ein paar Kräuter für das Abendbrot gesammelt, und sie wäre sicher hier, wenn nicht ihre kleinen Schützlinge ausgebüchst wären,“ begann er zu berichten. Als ich ihn fragend anschaute, erklärte er: „Ihre Gänse. Sie müssen schon entschuldigen, aber ihre Gänse hütet sie als seien es ihre Kinder, und sie wäre sicher gerne hier, sie ist eine wirklich phantastische Gastgeberin
müssen sie wissen.“
Ich merkte, daß er die Abwesenheit seiner Frau entschuldigen wollte, und das mir gegenüber, der ich aufgrund meiner Schusseligkeit und um Hilfe bittend in sein Privatleben eingedrungen war. Allerdings brachte ich nur ein kurzes, wenn auch freundlich klingendes „Das macht doch nichts!“ über die Lippen. Dies dauerte gerade kurz
genug, um nicht von einem Schwall von Worten unterbrochen zu werden.
„Ach, wissen sie, es ist ja auch so, daß ich unglaublich stolz bin, so eine Frau zu haben,“ fing er seine Lobeshymne an. „Sie ist eine so kluge Frau, und von einem solchem Wesen, daß ich ihr immer sage, ihre Mutter müsse wohl ein Engel gewesen sein. Oder sie sei es selbst. Und sie ist schön, sie werden sehen, wunderschön. Ja ja, ich weiß, es
verwundert sie, daß ich meine Frau so vor einem Fremden in den Himmel lobe, das gehört sich ja auch nicht, aber ich sagte ja schon, daß ich unheimlich stolz ihretwegen bin, und es macht mir große Freude, sie ihnen vorzustellen. Ja, sicher, eigentlich sollte ich etwas zurückhaltender sein, und ich möchte wirklich nicht, daß sie
sich unwohl deswegen fühlen, aber ich brenne so darauf, sie ihnen vorzustellen, meinen kleinen Engel, daß sie mir dieses Fehlverhalten in meiner Eigenschaft als Gastgeber bitte verzeihen möchten.“
Und dann erzählte er von ihr, von ihrer glockengleichen Stimme, von ihren Kochkünsten, ihrer geschickten Hand im Umgang mit Pflanzen, ihrer Treue, ihrem Mut, ihrer Standhaftigkeit, ihrem Willen, ihrer Bildung, ihren Hobbies und immer wieder von ihrer Schönheit. Er hörte gar nicht mehr auf, kam vom einen ins andere, und schließlich griff seine Begeisterung auf mich über, so daß ich vollkommen fasziniert seinen Worten lauschte und die Zeit darüber vergaß. Nun war ich es, der es kaum noch Abwarten konnte, daß mir dieses wunderbare Geschöpf endlich vorgestellt wurde.
Daher lauschte ich weiter diesem nicht enden wollendem Wortschwall, der mich nur hier und da verwundert aufblicken ließ, da ich Worte von wohlgereifter dichterischer Qualität vernahm, und beinahe hätte ich meinen Gastgeber unterbrochen, um ihn zu fragen, ob er ein Poet sei, doch ich schob seine Wortwahl und den angenehmen Klang seiner Sätze auf die Begeisterung, die er für seinen Vortrag aufbrachte, und so lehnte ich mich zurück und hörte weiter zu. Unmöglich zu sagen, was er mir alles erzählte, letzthin auch kleine Geschichten, die seine Beschreibungen untermahlten, nur wenig ist mir detailliert genug in Erinnerung geblieben, um es hier wiederzugeben. Nur nocheinmal blickte ich fragend auf, da der Mann – wenn auch ich durchaus angenehmer und keinesfalls anrüchiger Weise – die mehr körperlichen Vorzüge seiner Frau, ja deren erotisches Naturell anpries, doch nochmals gelang es ihm, mich zu beruhigen und davon zu überzeugen, daß alles, wenn auch außergewöhnlich, so doch „in Ordnung“ sei. Und wie wir beide da noch so saßen, ich seinen Worten, gesprochen wie eine Hymne an den Allmächtigen, lausche, da ertönte von der Rückseite des Hauses her eine unangenehme, krächzende Stimme: „Entschuldige,
daß ich erst so spät komme, aber ich…“
Weiter ging der Satz nicht, denn ein Schrei unterbrach die Stimme, ein Schrei furchtbaren Entsetzens, und die Quelle dieses Schreis war ich. Ich hatte mich nämlich in die Richtung umgedreht, aus der die Stimme kam, und was ich da sah, war unbeschreiblich und furchteinflössend genug, daß ich in einem mißglückten Versuch aufzustehen vom Stuhl fiel. Doch schon war ich wieder aufgesprungen, zur Türe hinausgestürzt und rannte, als
wenn der Pferdefüßige selbst mit seinen Klauen nach meinen Fersen greifen würde.
Ich möchte in meiner Beschreibung des Gesehenen nur sehr knapp bleiben, denn erstens vermögen Worte hier nur wenig auszurichten, wenn ich dem Leser dieser Zeilen die Schrecklichkeit einer absurden Monstrosität beschreiben will, und zweitens ist dies auch zum Wohle des Lesers gar nicht wünschenswert. Auch möchte ich selbst mich nicht allzu genau erinnern müssen, noch heute plagt mich jener Augenblick wie eine Vision der Hölle, und sicher hätte ich darüber den Verstand verloren, wenn nicht jener zweite Augenblick,
von dem ich noch zu berichten haben werde, den ersten vollkommen aufheben würde und jener Schluß, den ich us beidem ziehen mußte, Trost birgt.
Denn was ich sah, nur einen winzigen Moment, und was sich so in mein Hirn gebrannt hatte, daß ich es damals noch vor mir sah, als ich schon längst zur Tür hinaus war, war eine derart blasphemische Parodie einer menschenähnlichen Gestalt, ein unförmiger Affe womöglich, mehr noch ein ekelhafter Dämon der Scheußlichkeit, und der Anblick war durchaus mehr als nur gerade geeignet, sensiblere Gemüter spontan dem Wahnsinn preiszugeben.
Egal WAS es war, dieses DING, es war – und daran kann heute kein Zweifel bestehen – die Frau jenes armen Kerls, der in so lebhafter und poetischer Weise einen ganz und gar anderen Eindruck vermittelt hatte: Keinen Engel nannte er sein eigen, sondern eine Ausgeburt der Hölle.
Vor diesem Schreckensding fliehend war ich schon etwas fünfzig Meter vom Haus entfernt, als Rufe in mein Bewußtsein drangen, die ich schon vorher gehört, in meiner Panik aber nicht wirklich wahrgenommen hatte. Es war der Mann, und seine flehenden Zurufe, ich solle doch zurückkommen, ich hätte nichts zu befürchten, zeigten
tatsächlich allmählich Wirkung, denn meine Schritte verlangsamten sich, und als ich schon wieder inmitten des Dorfes ankam, blieb ich – völlig außer Atem – stehen.
Es war verrückt genug, daß ich nicht weiterlief, noch seltsamer allerdings war, daß in mir tatsächlich bald Gewissensbisse aufkamen. War der Mann nicht ausgenommen gastfreundlich und höflich gewesen? Hatte er mir gegenüber nicht großes Vertrauen gezeigt, so, wie er mich unterhalten und dabei durchaus Intimes preisgegeben
hatte? Und war ich nicht gerade dabei, dieses Vertrauen auf üble Art heimzuzahlen?
Auch war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, wirklich etwas gesehen zu haben, es war einfach zu absurd! Und außerdem: Wo sollte ich hin? – Nach wie vor hatte ich keinen Treibstoff, selbst einen Kanister hatte ich nicht mehr, denn den hatte ich vor dem Haus abgestellt und stehen lassen.
Je langsamer mein Atem wurde, desto größer wurde die Gewissheit, dass ich umkehren mußte. Mit einem recht mulmigen Gefühl im Bauch kam ich wieder bei dem abgelegenen Haus an, vor dessen Tür mein Gastgeber mich freundlich und bedauernd empfang. Er bestätigte mir, dass mich weder meine Augen noch mein Verstand betrogen hätten, jedenfalls soweit er dass beurteilen könnte, und er erzählte mir ohne Umschweife, daß es wohl jedem so gehen würde, der seine Frau sah – außer ihm selbst. „Ein Fluch,“ erklärte er, „der schon ewig auf uns lastet, ich weiß nicht warum und weshalb, kann nicht sagen,
welche Schuld wir auf uns geladen haben, doch ist es so: NUR ICH ALLEIN KANN SIE WIRKLICH SEHEN! Nur ich sehe ihr wahres Ich, ihre wahre Gestalt, und glauben Sie mir bitte, all das, was ich Ihnen erzählt habe, ist wirklich wahr!“
Weiterhin sagte er mir, daß dies der Grund sei, warum sie so abgeschieden leben würden, und daß sie nur den nötigsten Kontakt zum Dorf hätten. Daher hätte er sich so über meinen zufälligen Besuch gefreut, dass er darüber vergaß – oder vergessen wollte -, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach dasselbe wahrnehmen würde wie alle anderen.
Trügerische Hoffnung war es also gewesen, die ihn dazu verleitet hatte, mich von meiner schnellen Weiterreise abzuhalten. Wie ich nun so seinen Worten lauschte – und es klang, als läge alles Weh der Welt in seiner Stimme - da glaubte ich ihm und fühlte all den Schmerz mit ihm.
Konnte es sein, daß es in der Welt einen Ausgleich gab? Durfte ein einfacher Mann mit soviel Glück gesegnet sein, einen solchen Engel, wie er mir beschrieben wurde, zur Frau zu haben? Oder mußte es nicht geradezu zwangsläufig einen furchtbaren, doch gerechten Fluch geben?
Am Ende bekam ich meinen gut gefüllten Kanister, es war schon tiefste Nacht, wortlos verabschiedete ich mich, doch bin ich sicher, dass mein Blick sehr wohl genug sagte. Versunken in einen Abgrund von Gedanken, betäubt von dem Schmerz, der wie eine hoch infektiöse Krankheit auf mich übergegriffen hatte, ging ich träge in Richtung Dorf. Ein letztes Mal blickte ich zurück, der Mann war nicht mehr da, doch dort im Lichtschein hinter dem Fenster sah ich eine Gestalt, welche mir hinterher blickte.
Welch ein Anblick! Was sind Worte?
Für jenen Moment schien mir es, als blickte ich nicht in ein einfaches Fenster, sondern direkt durch die Tore des Himmels. Jene Gestalt, jene himmlische Erscheinung, ist weder prosaisch zu beschreiben noch in irgendeiner Form dichterisch wiederzugeben.
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Für jenen winzigen Augenblick hatte ich sie so gesehen, wie ihr Mann sie sah. Und WIRKLICH sehen kann man nur mit dem Herzen.

