Apr 1
Hypnos 06 - Der Fluch
Der Fluch
                     Wir im eignen Herzen finden,
             was die ganze Welt versagt (Chor)
             Goethe, Faust 2, III, Arkadien
An einem Frühlingstag, der so herrlich war, wie ein Frühlingstag nur sein kann, an dem die Vögel besonders laut, aber auch besonders schön zu zwitschern schienen, der Himmel von einem derart strahlenden Blau war, daß man die Dunkelheit der Nacht darüber ewig vergessen konnte, und die Tupfer federleichter Wolken ein Gemälde hatten entstehen lassen, daß keiner der größten Künstler aller Jahrhunderte hätte derart auf Leinwand
bannen können, fuhr ich mit dem Wagen Richtung Süden, denn ich war von einem alten und treuen Freund und seiner Verlobten zu deren Hochzeit eingeladen worden.
Doch irgendwie mußte ich wohl etwas zu sehr in Hochstimmung gewesen sein, denn es passierte mir etwas, was mir sonst nie passiert: Mir ging mitten auf der Strecke das Benzin aus. Und das war wirklich keine angenehme Sache, denn so, wie es aussah, befand ich mich auf einer abgelegenen Landstraße, an deren Verlauf zumindest für die nächsten 50 Kilometer keine Tankstelle zu erwarten war. Also ging ich los, einfach so, denn eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Und ein wenig Glück hatte ich da schon, denn nicht lange, nachdem ich meinen Wagen verlassen hatte, kam ich an eine Abzweigung, und dort fand ich nicht nur einen Wegweiser, der auf einen Ort verwies, sondern erblickte in der angezeigten Richtung auch einige Häuser.Natürlich hatte ich meinen Kanister dabei und hoffte irgendwo dort, in jenem abgelegenen kleinen Dorf, meinen Treibstoffvorrat soweit aufzufrischen, daß ich es zumindest bis zur nächsten Tankstelle schaffen würde.
Und so kam ich am Dorfrand an, klopfte an der ersten Tür, an der ich vorüber kam, hatte die Worte meiner Bitte schon auf der Zunge, doch es machte keiner auf. Da erst fiel mir auf, daß niemand auf der Straße oder den Vorhöfen zu erblicken war. Jedoch sahen die Gebäude bewohnt aus, ausgesprochen gepflegt, und ich überlegte mir, wie wunderschön es doch wäre, in der Idylle eines solchen, abgelegenen und gepflegten Dorfes zu leben. Natürlich war dieser Gedanke reine Träumerei, denn weder der Beruf noch meine Finanzen ließen einen solchen Lebensstil zu.
Ich ging zur nächsten Tür, doch auch diese blieb verschlossen, so laut ich auch pochte, nachdem auf mein Klingeln niemand geöffnet hatte.
Doch dann, endlich, kam ich an einer Tür an, und nach einer Ewigkeit wurde mir geöffnet. Die alte Frau, welche hinter der Schwelle erschien, machte einen freundlichen Eindruck, aber sie schien schlecht zu hören, weswegen ich meine Bitte erst recht lautstark und mehrmals wiederholen mußte. Und dadurch, daß ich mich auf diese Behinderung konzentrierte, fiel mir ein anderer Umstand nun erst auf, als die Alte mir mitteilte, daß sie mir gern helfen würde, aber kein Benzin hätte, aber ich solle doch mal dahinten fragen – dabei zeigte sie in Richtung eines Hauses ganz am Rand des Dorfes, das nur über einen schmalen Pfad, der durch die Wiesen führte, zu erreichen war – und es stünde zu vermuten, daß mir dort geholfen werden konnte. Das, was mir vorher nicht aufgefallen war, bemerkte ich nun umso betroffener: Die Trübheit ihrer Augen und der ins Leere gerichtete Blick sagten mir, daß die Frau offensichtlich blind war.Ich bedankte mich für den Hinweis und wollte gerade gehen, da sprach die Alte in einem Ton von überraschender Dringlichkeit noch eine Warnung aus: Ich solle mich über den Mann, der dort wohnt, nicht wundern, er sei nur ein wenig verrückt, aber harmlos. Und ich solle beim Anblick seiner Frau nicht erschrecken. Auch sie sei harmlos, aber ein Fluch würde auf ihr lasten, und sähe dadurch ziemlich abstoßend aus. Sie selbst könne das zwar nicht beurteilen (sie zeigte auf ihre Augen), aber…
Hastig bedankte ich mich nochmals und schritt eilig in Richtung der Wiese. Man mag mir wohl glauben, daß ich den Hinweis der Alten nicht ernst nahm und daß ich nicht einen verrückten Mann erwartete, sondern vielmehr meine Informantin für etwas sehr verschroben hielt.
Dieser Gedanke bestätigte sich scheinbar, als mir an jenem abgelegenen Haus sofort geöffnet wurde und ein sehr freundlicher Herr, der seiner Erscheinung nach nur ein paar Jahre älter war als ich, mich sogleich zum Kaffee einlud und mir seine Hilfe zusicherte.
Eigentlich hätte ich lieber gleich den Kanister füllen lassen, und allzuviel Zeit hatte ich auch nicht mehr, doch ich wollte nicht unhöflich erscheinen und der Mann schien überaus erfreut zu sein, als ich seine Einladung annahm.
Seine Frau sei noch hinter dem Haus im Garten, würde aber bald auch hereinkommen, erklärte er mir, als wir uns an den Tisch setzten. Und dann, nachdem er ein paar allgemeine Fragen an mich gerichtet hatte, die keineswegs in irgendeiner Art aufdringlich oder indiskret waren, und wir die obligatorischen Ansichten über das Wetter ausgetauscht hatten, fing er ohne Umschweife an, von seiner Frau zu erzählen, und seine Augen begannen zu leuchten.
„Die Gute hat vorhin ein paar Blumen eingepflanzt, und ein paar Kräuter für das Abendbrot gesammelt, und sie wäre sicher hier, wenn nicht ihre kleinen Schützlinge ausgebüchst wären,“ begann er zu berichten. Als ich ihn fragend anschaute, erklärte er: „Ihre Gänse. Sie müssen schon entschuldigen, aber ihre Gänse hütet sie als seien es ihre Kinder, und sie wäre sicher gerne hier, sie ist eine wirklich phantastische Gastgeberin
müssen sie wissen.“
Ich merkte, daß er die Abwesenheit seiner Frau entschuldigen wollte, und das mir gegenüber, der ich aufgrund meiner Schusseligkeit und um Hilfe bittend in sein Privatleben eingedrungen war. Allerdings brachte ich nur ein kurzes, wenn auch freundlich klingendes „Das macht doch nichts!“ über die Lippen. Dies dauerte gerade kurz
genug, um nicht von einem Schwall von Worten unterbrochen zu werden.
„Ach, wissen sie, es ist ja auch so, daß ich unglaublich stolz bin, so eine Frau zu haben,“ fing er seine Lobeshymne an. „Sie ist eine so kluge Frau, und von einem solchem Wesen, daß ich ihr immer sage, ihre Mutter müsse wohl ein Engel gewesen sein. Oder sie sei es selbst. Und sie ist schön, sie werden sehen, wunderschön. Ja ja, ich weiß, es
verwundert sie, daß ich meine Frau so vor einem Fremden in den Himmel lobe, das gehört sich ja auch nicht, aber ich sagte ja schon, daß ich unheimlich stolz ihretwegen bin, und es macht mir große Freude, sie ihnen vorzustellen. Ja, sicher, eigentlich sollte ich etwas zurückhaltender sein, und ich möchte wirklich nicht, daß sie
sich unwohl deswegen fühlen, aber ich brenne so darauf, sie ihnen vorzustellen, meinen kleinen Engel, daß sie mir dieses Fehlverhalten in meiner Eigenschaft als Gastgeber bitte verzeihen möchten.“
Und dann erzählte er von ihr, von ihrer glockengleichen Stimme, von ihren Kochkünsten, ihrer geschickten Hand im Umgang mit Pflanzen, ihrer Treue, ihrem Mut, ihrer Standhaftigkeit, ihrem Willen, ihrer Bildung, ihren Hobbies und immer wieder von ihrer Schönheit. Er hörte gar nicht mehr auf, kam vom einen ins andere, und schließlich griff seine Begeisterung auf mich über, so daß ich vollkommen fasziniert seinen Worten lauschte und die Zeit darüber vergaß. Nun war ich es, der es kaum noch Abwarten konnte, daß mir dieses wunderbare Geschöpf endlich vorgestellt wurde.
Daher lauschte ich weiter diesem nicht enden wollendem Wortschwall, der mich nur hier und da verwundert aufblicken ließ, da ich Worte von wohlgereifter dichterischer Qualität vernahm, und beinahe hätte ich meinen Gastgeber unterbrochen, um ihn zu fragen, ob er ein Poet sei, doch ich schob seine Wortwahl und den angenehmen Klang seiner Sätze auf die Begeisterung, die er für seinen Vortrag aufbrachte, und so lehnte ich mich zurück und hörte weiter zu. Unmöglich zu sagen, was er mir alles erzählte, letzthin auch kleine Geschichten, die seine Beschreibungen untermahlten, nur wenig ist mir detailliert genug in Erinnerung geblieben, um es hier wiederzugeben. Nur nocheinmal blickte ich fragend auf, da der Mann – wenn auch ich durchaus angenehmer und keinesfalls anrüchiger Weise – die mehr körperlichen Vorzüge seiner Frau, ja deren erotisches Naturell anpries, doch nochmals gelang es ihm, mich zu beruhigen und davon zu überzeugen, daß alles, wenn auch außergewöhnlich, so doch „in Ordnung“ sei. Und wie wir beide da noch so saßen, ich seinen Worten, gesprochen wie eine Hymne an den Allmächtigen, lausche, da ertönte von der Rückseite des Hauses her eine unangenehme, krächzende Stimme: „Entschuldige,
daß ich erst so spät komme, aber ich…“
Weiter ging der Satz nicht, denn ein Schrei unterbrach die Stimme, ein Schrei furchtbaren Entsetzens, und die Quelle dieses Schreis war ich. Ich hatte mich nämlich in die Richtung umgedreht, aus der die Stimme kam, und was ich da sah, war unbeschreiblich und furchteinflössend genug, daß ich in einem mißglückten Versuch aufzustehen vom Stuhl fiel. Doch schon war ich wieder aufgesprungen, zur Türe hinausgestürzt und rannte, als
wenn der Pferdefüßige selbst mit seinen Klauen nach meinen Fersen greifen würde.
Ich möchte in meiner Beschreibung des Gesehenen nur sehr knapp bleiben, denn erstens vermögen Worte hier nur wenig auszurichten, wenn ich dem Leser dieser Zeilen die Schrecklichkeit einer absurden Monstrosität beschreiben will, und zweitens ist dies auch zum Wohle des Lesers gar nicht wünschenswert. Auch möchte ich selbst mich nicht allzu genau erinnern müssen, noch heute plagt mich jener Augenblick wie eine Vision der Hölle, und sicher hätte ich darüber den Verstand verloren, wenn nicht jener zweite Augenblick,
von dem ich noch zu berichten haben werde, den ersten vollkommen aufheben würde und jener Schluß, den ich us beidem ziehen mußte, Trost birgt.
Denn was ich sah, nur einen winzigen Moment, und was sich so in mein Hirn gebrannt hatte, daß ich es damals noch vor mir sah, als ich schon längst zur Tür hinaus war, war eine derart blasphemische Parodie einer menschenähnlichen Gestalt, ein unförmiger Affe womöglich, mehr noch ein ekelhafter Dämon der Scheußlichkeit, und der Anblick war durchaus mehr als nur gerade geeignet, sensiblere Gemüter spontan dem Wahnsinn preiszugeben.
Egal WAS es war, dieses DING, es war – und daran kann heute kein Zweifel bestehen – die Frau jenes armen Kerls, der in so lebhafter und poetischer Weise einen ganz und gar anderen Eindruck vermittelt hatte: Keinen Engel nannte er sein eigen, sondern eine Ausgeburt der Hölle.
Vor diesem Schreckensding fliehend war ich schon etwas fünfzig Meter vom Haus entfernt, als Rufe in mein Bewußtsein drangen, die ich schon vorher gehört, in meiner Panik aber nicht wirklich wahrgenommen hatte. Es war der Mann, und seine flehenden Zurufe, ich solle doch zurückkommen, ich hätte nichts zu befürchten, zeigten
tatsächlich allmählich Wirkung, denn meine Schritte verlangsamten sich, und als ich schon wieder inmitten des Dorfes ankam, blieb ich – völlig außer Atem – stehen.
Es war verrückt genug, daß ich nicht weiterlief, noch seltsamer allerdings war, daß in mir tatsächlich bald Gewissensbisse aufkamen. War der Mann nicht ausgenommen gastfreundlich und höflich gewesen? Hatte er mir gegenüber nicht großes Vertrauen gezeigt, so, wie er mich unterhalten und dabei durchaus Intimes preisgegeben
hatte? Und war ich nicht gerade dabei, dieses Vertrauen auf üble Art heimzuzahlen?
Auch war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, wirklich etwas gesehen zu haben, es war einfach zu absurd! Und außerdem: Wo sollte ich hin? – Nach wie vor hatte ich keinen Treibstoff, selbst einen Kanister hatte ich nicht mehr, denn den hatte ich vor dem Haus abgestellt und stehen lassen.
Je langsamer mein Atem wurde, desto größer wurde die Gewissheit, dass ich umkehren mußte. Mit einem recht mulmigen Gefühl im Bauch kam ich wieder bei dem abgelegenen Haus an, vor dessen Tür mein Gastgeber mich freundlich und bedauernd empfang. Er bestätigte mir, dass mich weder meine Augen noch mein Verstand betrogen hätten, jedenfalls soweit er dass beurteilen könnte, und er erzählte mir ohne Umschweife, daß es wohl jedem so gehen würde, der seine Frau sah – außer ihm selbst. „Ein Fluch,“ erklärte er, „der schon ewig auf uns lastet, ich weiß nicht warum und weshalb, kann nicht sagen,
welche Schuld wir auf uns geladen haben, doch ist es so: NUR ICH ALLEIN KANN SIE WIRKLICH SEHEN! Nur ich sehe ihr wahres Ich, ihre wahre Gestalt, und glauben Sie mir bitte, all das, was ich Ihnen erzählt habe, ist wirklich wahr!“
Weiterhin sagte er mir, daß dies der Grund sei, warum sie so abgeschieden leben würden, und daß sie nur den nötigsten Kontakt zum Dorf hätten. Daher hätte er sich so über meinen zufälligen Besuch gefreut, dass er darüber vergaß – oder vergessen wollte -, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach dasselbe wahrnehmen würde wie alle anderen.
Trügerische Hoffnung war es also gewesen, die ihn dazu verleitet hatte, mich von meiner schnellen Weiterreise abzuhalten. Wie ich nun so seinen Worten lauschte – und es klang, als läge alles Weh der Welt in seiner Stimme - da glaubte ich ihm und fühlte all den Schmerz mit ihm.
Konnte es sein, daß es in der Welt einen Ausgleich gab? Durfte ein einfacher Mann mit soviel Glück gesegnet sein, einen solchen Engel, wie er mir beschrieben wurde, zur Frau zu haben? Oder mußte es nicht geradezu zwangsläufig einen furchtbaren, doch gerechten Fluch geben?
Am Ende bekam ich meinen gut gefüllten Kanister, es war schon tiefste Nacht, wortlos verabschiedete ich mich, doch bin ich sicher, dass mein Blick sehr wohl genug sagte. Versunken in einen Abgrund von Gedanken, betäubt von dem Schmerz, der wie eine hoch infektiöse Krankheit auf mich übergegriffen hatte, ging ich träge in Richtung Dorf. Ein letztes Mal blickte ich zurück, der Mann war nicht mehr da, doch dort im Lichtschein hinter dem Fenster sah ich eine Gestalt, welche mir hinterher blickte.
Welch ein Anblick! Was sind Worte?
Für jenen Moment schien mir es, als blickte ich nicht in ein einfaches Fenster, sondern direkt durch die Tore des Himmels. Jene Gestalt, jene himmlische Erscheinung, ist weder prosaisch zu beschreiben noch in irgendeiner Form dichterisch wiederzugeben.
Â
Für jenen winzigen Augenblick hatte ich sie so gesehen, wie ihr Mann sie sah. Und WIRKLICH sehen kann man nur mit dem Herzen.
No Comments
Leave a comment

